Klangliche Vielfalt

Dinslaken..  Die deutsche Nationalhymne hört man nicht alle Tage in der ev. Stadtkirche in Dinslaken. Und wenn dies am frühen Samstagabend der Fall war, lag dies daran, dass es sich bei der Musik genau genommen um den zweiten Satz von Haydns Streichquartett op. 76, Nr. 3 C-Dur handelte. Der Verein r(h)ein-kultur-welt hatte die Kontakte seines Beigeordneten Friedmann Dreßlers von den Duisburger Philharmonikern spielen lassen und das Dresdner Streichquartett für ein Konzert gewinnen können. Thomas und Beate Meining, Andrea Schreiber und Martin Jungnickel sind Mitglieder der Sächsischen Staatskapelle Dresden, dem Orchester der Semperoper. Als Quartett sind sie Gäste bei den großen Musikfestivals von Salzburg bis Rheingau.

Komponisten auf Reisen, so hätte man auch das Konzert in Dinslaken nennen können. Haydn widmete das, was einmal die deutsche Nationalhymne werden sollte, für Franz I. von Österreich. Haydn sei nämlich in London von „God save the King“ so angetan gewesen, dass er dem 1804 zum Kaiser gekrönten Franz Josef eine vergleichbare musikalische Ehre zukommen lassen wollte, erklärte Thomas Meining. Vier Variationen folgen dem Thema, dessen Melodie aber selbst unverändert bleibt, während sich die Begleitstimmen ändern. Als habe Haydn sicher gehen wollen, dass sich die Hymne bei den Hörern einprägt.

Als sich Dmitri Schostakowitsch mit dem Streichquartett op. 96, F-Dur sein eigenes Requiem schrieb, verwandte er seine Initialen D-Es-C-H als Thema. Das Stück ging, nach sozialistischem Brauch politisch interpretiert, als den Opfern des Faschismus gewidmetes Dresdner Streichquartett in die Geschichte ein, die Wirkung seiner fünf ineinanderfließenden fünf Sätzen ist erschütternd. Musik nach ‘45, nicht um des Effekts Willen atonal, sondern aufgepeitscht, erstarrt, erdrückt von Leid, Tod und Hoffnungslosigkeit. Es war beeindruckend, mit welcher Intensität die Musiker die Unruhe und die Trauer in den Noten hörbar machten. Selbst die Klangfarbe ihrer Instrumente änderten sie gemeinsam. Das Stück endet ungewöhnlich mit zwei langsamen Sätzen. Das letzte Largo ist eine Fuge, die unter der Last des Leides erdrückt zusammenbricht.

Amerikanische Folk-Zitate

Der zweite Teil des Konzertes war heiterer Natur. Antonin Dvorak schrieb sein Amerikanisches Streichquartett, das mit seiner Musik von Weite, Sehnsucht und Folk-Zitaten zum Prototyp amerikanischer Filmmusik des späteren Hollywoods wurde, 1893. Wenn Thomas und Barbara Meining auf ihren Violinen Vibrato spielen, vermisst man nur noch das Knistern der Schellack-Platte.

Ein kurzes Scherzo von Tschaikowski als Zugabe, das Quartett kehrte noch am Abend nach Dresden zurück. Sein Spiel, das nicht nur durch Technik, sondern durch stilistische und klangliche Wandelbarkeit ein Erlebnis war, klang noch länger nach. Lang anhaltender Applaus in der gut besuchten Stadtkirche.

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