Jüdische Gemeinden sind gewachsen

Birgit Gargitter

Dinslaken.  „Wer ein Haus baut, der bleibt; doch wer ein Haus anzündet ...“ Leider ziehe ein frischer aber nicht guter Wind durchs Land, bemerkt Michael Rubinstein, Geschäftsführer des Landesverbandes jüdischer Gemeinden von Nordrhein, während seines Referates zum Judentum in Deutschland im Dachstudio. AfD, Rechtsruck, Beschneidungsdebatten, all dies berge Risiken. Und doch, in der jüdischen Gemeinde Duisburg, zu der auch u.a. Dinslaken, Voerde und Hünxe gehören, sei es erstaunlicherweise äußerst friedlich. „Duisburg fährt ein offenes Konzept, und bislang hat es keine Übergriffe auf die Synagoge gegeben“, berichtet er aus seiner langen Zeit in der Duisburger Gemeinde.

Liegt es an dem Konzept der „offenen Gemeinde“, an der Dialogbereitschaft mit der Ditib-Moschee? „Wir haben uns nie versteckt, die Menschen dort haben uns als Teil des Ganzen gesehen“, so Rubinstein. Ähnlich ergehe es ihm ja in Dinslaken, bemerkt er. „Ich bin immer wieder gerne hier, es herrscht eine nette Atmosphäre und das Engagement der Dinslakener Bürger ist etwas ganz Besonderes.“

Aktuell gebe es 99 695 Mitglieder in den jüdischen Gemeinden Deutschlands, rund 250 000 Menschen jüdischen Glaubens lebten wieder in der Bundesrepublik, bedingt durch die Zuwanderung russischer Juden seit den 80er Jahren. Auch die jüdische Gemeinde in Duisburg profitierte einerseits dadurch. Zählte sie vormals 112 Mitglieder sind es inzwischen 2565 (Stand 2015). Doch stellt gerade dieser Zuzug russischer Juden auch eine Herausforderung für die Gemeinden dar, denn, so Rubinstein, die Integration gestalte sich oft auch schwierig. „In manchen Gemeinden, wie in Duisburg, kann man in einer russischen Blase leben, ohne jemals mit Deutschen in Berührung zu kommen“, berichtet er. Auch gebe es zur Zeit in einigen Gemeinden Konflikte zwischen Russen und Ukrainern. „Wir haben es nicht geschafft, die russischen Juden abzuholen.“

Die Ironie der Geschichte ist, findet Rubinstein, dass deutsche Juden immer liberal waren. Sie seien in erster Linie Deutsche gewesen, erst dann Menschen jüdischen Glaubens. Heute hingegen seien die meisten jüdischen Gemeinden orthodox. „Als direkt nach dem Krieg die ersten Synagogen und Gemeinden wieder aufgebaut wurden, lebten sie recht abgeschottet.“

Der Landesverband der jüdischen Gemeinden von Nordrhein habe sich bereits im November 1945 neu aufgestellt. „Das setzte großes Vertrauen voraus. Die Menschen müssen eine große Vision gehabt haben, denn es war damals durchaus nicht politisch korrekt, in Deutschland zu leben“, erinnert sich Rubinstein. Und wird ganz persönlich: „Mein Opa ist in einer Nacht- und Nebelaktion 1952 aus Israel zurück nach Köln gezogen. Er konnte ohne seinen Dom nicht leben.“