Großes Kino im Dinslakener Ledigenheim

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Der Name „Cinema“ war bei „Jazz in Dinslaken“ Programm: Das Uli Beckerhoff Quartett schuf eine Atmosphäre aus Jazz und elektronischen Klängen.

Dinslaken..  In den 70er Jahren ist Johannes Hermens als Göttinger Medizinstudent mit seinen Freunden Uli Beckerhoff zu dessen Konzerten nachgereist. Am Samstag hieß er ihn als Vorstand der Jazz Initiative Dinslaken in seiner Stammspielstätte willkommen. „Ein besonderer Abend“ freute sich „Doktor Jazz“. Für ihn, für Beckerhoff, der zum ersten Mal, aber wie er selber sagen sollte, hoffentlich nicht zum letzten Mal in Dinslaken auftrat, und für die Reihe selbst. Der Reiz des Uli Beckerhoff Quartetts liegt im Sounddesign, in der Kreation von Atmosphäre durch Komposition, Interpretation und gleichberechtigt durch den Klang. Eine Mixtur, die beim Publikum Synästhesien erzeugen soll: „Cinema“ lautete der programmatische Titel, die Stücke sind imaginäre Filmmusiken, Klangbilder für das persönliche Kopfkino.

Dafür reichen dem Altmeister Uli Beckerhoff, übrigens seit 1999 künstlerischer Leiter von Europas größter Jazzmesse, ein paar Töne auf dem Flügelhorn. Sie schweben zwischen den filigranen Tonfolgen, die Felix Elsner dem präparierten Bechstein-Flügel entlockt, fallen sacht auf den Klangteppich, den Michael Berger mit seinen analogen Synthesizern ausbreitet. Stefan Ulrichs Schlagzeugset ist unter anderem mit einer Darbuka aufgerüstet. Trommeln für Ethnojazz und breakbeats bis hin zu treibenden Rockrhythmen. Denn „Cinema“ ist kein epischer Film mit Überlänge, eher ein Kurzfilmfestival.

„Wenn Ihnen ein Stück nicht gefällt, gehen Sie nicht“, erklärt Beckerhoff gleich zu Beginn, „wir werden keinen Stil zweimal spielen“. Jazzballaden werden zum Live-Remix, Electrobeats entführen nach Ouagadougou. Der präparierte Flügel singt metallisch, die Trommeln tanzen. Uli Beckerhoff fragt das Publikum, welchen Film es mit den orientalischen Klängen verbindet. Schließlich löst er das Rätsel selbst: „Slumdog Millionaire“ machte das Klavier zur Sitar.

Sounddesign

Ein Trommelwirbel für den „Soldier of Desire“, Bebop-Soli für Beats wie aus dem Ghettoblaster. Ein Schiff schwebt durch den Raum, der analoge Synthesizer pfeift und sendet Echolotsignale aus: Odyssey 2014 im Weltall. Dann wechselt Beckerhoff vom Flügelhorn zur Trompete und kündigt das an, „womit jetzt am wenigsten zurechnen war: Jazz“.

Jeder einzelne im Uli Beckerhoff Quartett bräuchte eigentlich nicht mal ein Mikrophon, um das Publikum zu begeistern. Aber die über und über verkabelte Bühne sieht an diesem Abend aus, als seien die Instrumente einer Spinne ins Netz gegangen. Das große Kino geschieht nicht nur im Scheinwerferlicht, sondern hinten im dunklen Saal am Mixerpult.

Jochen Sommer, der für Größen wie Linkin Park und Jay-Z arbeitet, erschafft die cineastische Atmosphäre mit seinem eigenen Sounddesign. Nicht umsonst ist der Ton eine eigene Oscar-Kategorie. Sommer lässt die Töne schweben, webt die Synthese von synthetischen Klängen und Naturinstrumenten, gibt der Musik Druck und erschafft die Klangräume, in denen Bilder entstehen.

Viel Applaus für einen atmosphärischen Abend, von dem jeder seine ganz eigenen Eindrücke und Erinnerungen mit nach Hause genommen haben wird.

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