Es ist der Mensch, der zählt

Wie ein dämonischer „Huckauf“ umklammert der verdorbene Mercutio (Yannick Zürcher) Romeo (Jeroen Engelsman).  Dass Romeo den Tod seines besten Freundes rächt, treibt die Spirale der Gewalt zum tragischen Höhepunkt.
Wie ein dämonischer „Huckauf“ umklammert der verdorbene Mercutio (Yannick Zürcher) Romeo (Jeroen Engelsman). Dass Romeo den Tod seines besten Freundes rächt, treibt die Spirale der Gewalt zum tragischen Höhepunkt.
Foto: FUNKE Foto Services
Das Ensemble Persona zeigte Shakespeares stets aktuelle „Romeo und Julia“

Dinslaken.  Was haben Blondinen und die Montagues aus Verona gemeinsam? Kein Lacher: Über beide werden Witze gerissen, die Vorurteile und Klischees zum Selbstzweck erhoben haben. Mit Witzen über beide Personengruppen begann das Münchener Ensemble Persona seine Inszenierung von „Romeo und Julia“ im Rahmen der Schauspiel-Aboreihe am Donnerstag in der Kathrin-Türks-Halle.

Der unkonventionelle Anfang – parallel gesetzt vom gesamten Ensemble gesprochenen Chor aus dem Originaltext, trug die 400 Jahre alte, ewig junge Liebestragödie auch textlich für ein paar irritierende Momente in die Gegenwart, um in den folgenden zwei Stunden doch betont respektvoll mit der Schlegelschen Übersetzung der berühmten Verse umzugehen. Der Kniff lenkte auf eine der zentralen Aussagen des Schauspiels: Wohin führen Vorurteile? Denn wenn auch Shakespeare die Antwort schuldig bleibt, weshalb die Montagues und die Capulets bis auf den Tod verfeindet sind, zeigt er um so deutlicher, wohin die Spirale der Gewalt führt. Und die Opfer sind ausgerechnet die beiden, die dem Irrsinn entkommen wollten.

Moderne Aspekte

„Nicht du, bloß dein Name ist mein Feind. Du würdest du selbst sein, wenn du gleich kein Montague wärest. Was ist Montague? Es ist weder Hand noch Fuß, weder Arm noch Gesicht, noch irgend ein andrer Teil“, sagt Julia in der Balkonszene. Nicht die Herkunft oder Gruppenzugehörigkeit sind entscheidend, sondern die eigene Persönlichkeit, das Selbst, das über sich selbst entscheidet. Anna Pircher spielt die Julia als ein starkes, selbstbewusstes Mädchen. Und Shakespeare legt dieser 14-Jährigen nicht nur die weisesten Worte in den Mund, sondern lässt sie auch mutige Schritte gegen die drohende Zwangsheirat mit Paris unternehmen.

Moderne Aspekte, die die Inszenierung zur Geltung bringt, gerade im Hinblick auf Romeo (Jeroen Engelsman), dem Bruder Lorenzo (Markus Vogelbacher) viele Talente und ein komplettes Versagen, diese zu nutzen, vorwirft. Einen starken Auftritt legt auch Yannick Zürcher als Mercutio hin, eine Verkörperung destruktiver Kräfte, die Romeo mehr oder weniger unabsichtlich zu Fall bringt und durch den Tod des in seinen Vorurteilen verstockten Tybalts rächen muss.

Herrlich auch Marina Lötschert als geschwätzige Amme. Diese macht sich, wie die gesamte Elterngeneration, an ihren Schutzbefohlenen schuldig. Und so bleibt der Handschlag der Väter über den Leichen ihrer einzigen Kinder eine Tragödie, wie sie die Welt zwar nicht so bühnenwirksam und sprachlich schön, aber leider immer wieder und viel zu oft erlebt.

Langer Applaus für einen jungen, guten Shakespeare-Abend.

 
 

EURE FAVORITEN