Ein Baum voller Erinnerungen

Bettina Schack
Regine Strehlow-Lorenz öffnet ihre Weihnachtsschmuckkisten und es zeigen sich Erinnerungsstücke aus der Familiengeschichte. Foto: Heiko Kempken / WAZ FotoPool
Regine Strehlow-Lorenz öffnet ihre Weihnachtsschmuckkisten und es zeigen sich Erinnerungsstücke aus der Familiengeschichte. Foto: Heiko Kempken / WAZ FotoPool
Foto: Heiko Kempken / WAZ FotoPool

Dinslaken. Kunst am Baum: Regine Strehlow-Lorenz verwahrt Christbaumschmuck von vier Generationen.

ögen auch Holz und Nadeln jedes Jahr andere sein, der Weihnachtsbaum von Regine Strehlow-Lorenz wächst seit vier Generationen. Der Großvater werkelte den ältesten erhaltenen Baumschmuck vor 80 Jahren als Laubsägearbeit, der Schmuck der Eltern kam hinzu, eigene Ideen, die ersten Bastelarbeiten der Kinder, Geschenke von Verwandten, Schülern und wieder deren Eltern. Jedes Jahr trägt der Baum ein wenig mehr Schmuck. Letzter Neuerwerb: ein kleiner Keramikbaum vom Weihnachtsmarkt der Lebenshilfe.

Am Morgen wird erzählt

Ein Blick in die großen, teils Jahrzehnte alten Pappkartons lässt es erahnen: Dieser Weihnachtsbaumschmuck folgt keiner äußeren gestalterischen Ästhetik. Aber er steckt voller Geschichten, die entdeckt werden wollen und die Regine Strehlow-Lorenz nicht müde wird, am Morgen des Heiligen Abends zu erzählen. Wie es ihre Mutter schon jedes Jahr gemacht hat. Dann werden die Engel, Kugeln und Sterne in ihren Händen zu Erinnerungen.

Schmuck, bei dem die inneren Werte zählen, der nostalgische Charme, der ihnen inne wohnt. Ein Weihnachtszauber. Regine Strehlow-Lorenz ist Kunstlehrerin und Künstlerin. Sie muss lächeln, wenn sie mit ihrem fachlich geschulten Blick auf ihren liebsten Weihnachtsschmuck schaut. Plastikkugeln, von innen mit dunkler Farbe und Goldtupfen bemalt und mit riesigen Schleifen dekoriert. „Das hat mein Sohn mit sechs Jahren in der Schule gebastelt. Ich liebe es.“ Heute ist Max 28. So alt wie der bemalte Karton, aus dem seine Mutter weitere nostalgische Schätzchen zieht.

Sie hat alles aufbewahrt: die Bastelarbeiten der beiden Kinder, das Säckchen, das den stets am ersten Tag geplünderten Adventskalender ersetzte. Die Sterne von der Schwiegermutter, die roten Pilze von der Tante, den gestanzten Blechstern vom Patenkind. Vom barock wirkende Puttenengel mit der Trompete blättert die Farbe, darunter wird weißer Kunststoff sichtbar. Ein Geschenk von Eltern eines Schülers. Auch dieser Engel flattert alle Jahre wieder am Weihnachtsbaum.

Und darunter ein Engelsorchester. Volkskunst aus dem Erzgebirge, Mitte des vorigen Jahrhunderts. Einem Engel fehlt ein Flügel, bemerkt Regine Strehlow-Lorenz. „Mein Vater hat sie Heilig Abend immer restauriert. Ich stelle sie nur auf.“ Familienerinnerungen. Das Laubsägeherz ihres Großvaters trägt einen Mistelzweig. Er selbst konnte nicht jedes Jahr zu Weihnachten zu Hause sein. Trotzdem war für seine Töchter der Heilig Abend gerade dann etwas ganz Besonderes: Sie durften ihren Vater am Arbeitsplatz besuchen und wenn andere unterm Baum mit der Spielzeugeisenbahn fuhren, saßen sie beim Vater, der Oberlokführer war, in einer echten Lokomotive und aßen Stullen.

Nur eine Woche im Jahr

Nostalgie in Pappkartons. 51 Wochen im Jahr lebt Regine Strehlow in der Gegenwart und blickt in die Zukunft. „Für mich ist Weihnachten Zeit der Erinnerung an Kindheit, das Frühere, die Harmonie, die Gemütlichkeit und die vielen Kerzen. Aber nur dann“. Nur eine einzige Woche darf der Weihnachtbaum seine Pracht entfalten. Am 24. Dezember wird er geschmückt, am Morgen des 1. Januar wird der Baum schon wieder abgebaut. „Dann ist die Nostalgie vorbei und etwas Neues beginnt.“