Dinslaken: Störfaktor Gewissen

Der dramatische Höhepunkt einer Familienfeier. Statt sich weiter dem schönen Schein hinzugeben, müssen sich die Birlings ihren Konflikten stellen.
Der dramatische Höhepunkt einer Familienfeier. Statt sich weiter dem schönen Schein hinzugeben, müssen sich die Birlings ihren Konflikten stellen.
Foto: Burghofbühne
Joachim von Burchard inszenierte an der Burghofbühne „Ein Inspektor kommt“ als schnelles, schnörkelloses Theater über Schuld, Sühne und soziale Verantwortung

Dinslaken..  Es ist das unerwartete Ende einer Familienfeier: Die Mutter wird von einem hysterischen Lachanfall geschüttelt, der Vater fürchtet um Ruf und die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes, die Verlobung seiner Tochter mit dem erfolgversprechenden Mann aus guten Hause ist aus dessen Schuld geplatzt. „Na dann Prost“, sagt der Sohn, weniger aus Ironie als aus Trunksucht. Der Grund des heimischen Fiaskos: Schuld gegenüber einer Dritten.

John B. Priestley schrieb dieses Theaterstück 1946. Zeit und Ort wurden über die Jahre immer wieder aktualisiert wurden, die Botschaft ist universell und zeitlos. Freitag hatte „Ein Inspektor kommt“ in einer Burghofbühnen-Inszenierung von Joachim von Burchard in der Kathrin-Türks-Halle Premiere. Schnelles, schnörkelloses, textlich gestrafftes Theater, das sich allein auf die Protagonisten und ihr Verhältnis zueinander konzentrierte. Allein die Frachter auf der geschickt als herbstliches Landschaftsbild getarnten Videoeinspielung zogen langsam rheinabwärts. Eine dezente Metapher für den Strudel, der die Familie Birling auf der Bühne selbstverschuldet in die Tiefe zieht.

Priestley lässt in seinem Gesellschaftsporträt kein Klischee aus. Der Vater, ehemaliger Oberbürgermeister, lebt nach dem Credo, dass jeder seines Glückes Schmied ist und hält es für gerechtfertigt, andere als Amboss zu benutzen, wenn er für sich, seinen Ruhm und sein Kapital den Hammer schwingt. Anton Schieffer verkörpert den Patriarchen mit der Souveränität, mit der er bereits durch frühere Gastrollen längst zu einem der beliebtesten Schauspieler der Burghofbühne avanciert ist.

Birlings Ehefrau (Nina Tomczak in ihrer zweiten, überzeugenden Mutterrolle am Landestheater in Folge) hat es gelernt, den Schein bis zum Selbstbetrug zu wahren. Selbstherrlich hält sie sich für moralisch unanfechtbar und ist damit diejenige, die wohl die tatsächliche Katastrophe, die den Ruf der Familie wie die Psyche des Sohnes zerstören wird, heraufbeschwört. Christoph Bahr spielt eben diesen Sohn. Schwach, labil, betrunken. Ein Looser, der das Publikum zum Lachen bringt, wenn er über die Bühne schlurft, Täter und noch vielmehr Opfer zugleich. Ganz anders der Verlobte von Tochter Sonja Birling. Carlo Sohn hat sich als Gerhard Kraft ein Clark Gable-Bärtchen wachsen lassen, es passt zur schmierigen Arroganz der Rolle.

Kein Inspektor, keine Gefahr

Sonja Birling (Lara Christine Schmidt) fordert Konsequenzen und Reue für den Egoismus ein, der sie, wie alle in der Familie, antrieb und durch den wohl eine junge Frau in den Selbstmord getrieben wurde.

So zumindest sagt es der Mann, der in die Familienfeier platzt und sich als Inspektor Guhl /Christoph Türkay)vorstellt. Guhl, da klingt das Wort „Ghoul“ mit an, tritt in diese Familie wie die Statue des Komturs in „Don Giovanni“. Weniger Ermittler als eine bittere Instanz, ein personifiziertes Gewissen. Ein Störfaktor, der von der Eltern-Generation als anmaßend empfunden wird, weil es deren Scheinheiligkeit gnadenlos sich selbst entlarven lässt. Wer dieser Mann tatsächlich ist, bleibt im Ungewissen. Wie das Mädchen, an dem sich die gesamte Familie versündigt hat, wohl eine Kunstfigur aus den vielen ist, die die Birlings und Krafts dieser Welt aus fehlender sozialer Verantwortung heraus zerstört haben.

Die Konsequenz des Besuches? Kein echter Inspektor, keine echte Gefahr. Ist doch noch mal alles gut gegangen. Aber Schuld fordert Sühne. Zumindest auf der Bühne. Wenn nach 70 verdichteten Theaterminuten der Vorhang fällt, wird sich das Drama der Birlings wiederholen. Lang anhaltender Applaus .

 

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