Der Schrecken unterm schönen Schein

Carlo Sohn spielt den Dorian Gray.
Carlo Sohn spielt den Dorian Gray.
Foto: Burghofbühne
Joachim von Burchard inszenierte Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“ für die Burghofbühne Dinslaken.

Dinslaken..  Lord Henry ist ein Meister der Aphorismen und der eleganten Worte. Dabei kann er seine ganze Philosophie in allein fünf Wörtern ausdrücken: „Der Verzicht ruiniert unser Leben“. Und da das Altern der Verzicht auf die speziellen und im besten Falle auch noch allesamt ausgekosteten Vergnügen und Erfahrungen der Jugend ist, kann Lord Henry, der viktorianische Gentleman mit zweifelhaftem Ruf, nur ein zeitloser Vertreter des modernen Jugendwahns sein. Welch trügerisches Bild sich dahinter verbirgt, ahnt er nicht im Ansatz. Und doch gilt der schöne, äußerlich ewig junge und innerlich zutiefst verdorbene Dorian Gray als Lord Henrys „Geschöpf“. Es ist eine der vielen Täuschungen von Oscar Wildes einzigem und dutzendfach für das Theater, den Film und das Ballett adaptierten Roman. Am Freitag feierte die Burghofbühne Dinslaken in der Kathrin-Türks-Halle ihre Premiere des Hedonismus-Klassikers „Das Bildnis des Dorian Gray“.

Wilde hat im „Dorian Gray“ das Doppelgänger-Motiv des Schauerromans mit einer Variation des Pygmalion-Stoffes kombiniert. Der Maler Basil Hallward bannt seinen Schwarm so lebensecht auf die Leinwand, dass dessen Seele von nun an im Bild lebt und dieses verdirbt, während der Körper eine schöne, unveränderliche Hülle bleibt. Regisseur Joachim von Burchard setzt der verhüllt bleibenden Leinwand die große Kinoleinwand entgegen. Vor ihr agieren die Schauspieler, auf ihr stehen Dorians Opfer auf.

In Kinosesseln sind Dorian (Carlo Sohn) und Henry Wotton (Markus Kloster) ihre eigenen Zuschauer in der Scheinwelt des ewigen Momentes, während Basil (Christoph Bahr, Bass), Sybil Vane (Lara Christine Schmidt, Gesang), Lady Wotton (Manuela Stüßer) und Jim Vane (Daniele Nese, E-Gitarre), den Soundtrack zum Geschehen live dazu liefern. Ein guter Ansatz, der den schönen Schein und den Schrecken darunter zu einem rauschenden Theatererlebnis machen könnte, wenn nicht die Darstellung des Dorian selbst diesem Trug im Wege stehen könnte. Carlo Sohns Dorian ist weniger die verkörperte ewige Jugend, der androgyne Fashionista, der gleichermaßen von Männern wie von Frauen vergöttert wird und an dem selbst seine eigenen, so herrlich wirkungsvollen Gefühle abperlen wie Regen vom frisch gewachsten Autolack. Dieser Dorian hadert mit sich, seiner Schönheit und dem Abbild seiner Seele. Aber müsste dieses ethisch positive Leiden dann nicht schönere Charakterfalten auf die Leinwand zaubern?

Die Sünde Selbstbetrug

Wer hat Dorian zum Monster gemacht? Natürlich der, der darauf besteht, dass jede Art von Einfluss amoralisch ist, weil er die von ihm vehement propagierte Selbstverwirklichung untergräbt. Ob Lord Henry, dieser mehr bellende als beißende Lumpenhund der höheren Gesellschaft, wirklich Dorian verdarb oder nicht einfach nur so virtuos die Saiten in ihm zu klingen brachte, wie Daniele Nese E-Gitarre spielt, sei dahin gestellt. Markus Kloster spielt Henry auf jeden Fall so, wie er sein soll: sich selbst und seine Sprüche genießend und zum Schluss, wenn er seiner geschmähten Ex-Frau nachsieht, etwas verloren. Die Ehe war doch eine dieser schlechten Gewohnheiten, die er doch so liebt...

Dorian dagegen liebt niemanden, ist an diesem Abend nicht einmal verliebt in sich selbst. Die Erste, die er vernichtet, ist die naive Schauspielerin Sybil Vane. Ihr Fehler: Sie glaubte sich um sich selbst willen geliebt und entlarvt ihre Bühnenfiguren als hohlen Schein. Lara Christine Schmidt „spielt“ Shakespeares „Julia“ wie eine wahnsinnig gewordene Heidi Klum und hat die Lacher auf ihrer Seite. Auch Jim Vane liebt. Und seine Liebe zu seiner Schwester gibt ihm den Durchblick gegenüber deren „Märchenprinzen“ Dorian. Daniele Nese spielt ihn wütend und verletzlich verzweifelt zugleich. Die Vane-Geschwister, Basil, namenlose andere. Dorian tötet viele, bis er Besserung gelobt. Aber Oscar Wilde wäre nicht Oscar Wilde, wenn er nicht Dorian Gray zum Schluss die größte aller Sünden begehen lassen würde: den Selbstbetrug.

Viel Applaus für das gesamte Ensemble.

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