Der „Emschermensch“ ist heimgekehrt

Emschermensch Norbert Schaldach ist die komplette Emscher entlang gewandert.
Emschermensch Norbert Schaldach ist die komplette Emscher entlang gewandert.
Foto: Funke Foto Services
  • Norbert Schaldach war zwei Monate lang mit dem Rad entlang der Emscher unterwegs
  • Jetzt ist er in seiner alten Heimat Dinslaken angekommen
  • Unterwegs hat er viele Menschen getroffen und Orte besichtigt

Dinslaken..  Norbert Schaldach steht am Geländer der Emscherbrücke Hans-Böckler-Straße. Hier, zwischen Willy-Brandt-Straße und der „Schwatten“ ist der heute 63-Jährige aufgewachsen, doch heute ist die kleine Brücke das Ziel einer langen Reise.

Zwei Monate lang war der Bielefelder mit Dinslakener Migrationshintergrund mit seinem Fahrrad entlang der Emscher unterwegs. Zwei Monate, in denen er Menschen kennenlernte, das Ruhrgebiet erlebte und Erinnerungen sammelte, die ihm jetzt keiner mehr nehmen kann.

Schaldach, der Emschermensch, hat auf seiner Reise über 250 Menschen getroffen, die „links und rechts der Emscher leben“. In Dortmund genoss er die Sonne in einem Kleingartenverein, in Castrop-Rauxel schenkte ihm ein ehemaliger Bergmann ein goldenes Häckel, in Herne machte er Halt in einem Hospiz, in Oberhausen traf er den Rapper Quin Pin, er besuchte Kneipen, Kioske und Festivals, und schlief, wo man ihn schlafen ließ: „Der Plan war: kein Plan.“ Schaldach war schon immer jemand, der die Füße ungern still hielt, sich „on the road“ wohlfühlte. Mit 18 Jahren fuhr er das erste Mal per Anhalter, „mit 19 nach Südfrankreich, mit 20 nach Istanbul“. Jetzt, wo er in Rente ist, die Kinder aus dem Haus sind und er nur noch ab und zu an der Fachhochschule in Bielefeld doziert, war es Zeit, sich wieder auf die Reise zu machen. Klar, die 83 Kilometer lange Emscher hätte er auch an ein, zwei Tagen abfahren können, aber hier war der Weg das Ziel: „Mir geht es nicht um Leistung oder Menge, sondern um Eindruck.“ So wurden aus den geplanten zwei, drei Wochen ganz schnell fünf, sechs Wochen und mittlerweile zwei Monate. Hinter ihm liegt eine Reise zurück in die Vergangenheit, zurück zu den eigenen Wurzeln: „Ein Abgleich meiner Erinnerungen von früher“, sagt Schaldach, der 1976 für sein Sozialpädagogik-Studium nach Bielefeld zog. „Für mich war es wie eine Rückkehr in meine Vergangenheit.“ Neben den neuen Bekanntschaften traf er auch alte Kollegen und Freunde, Menschen, die er schon seit seiner Kindheit oder der Lehrzeit bei Thyssen kennt.

Das ist die eine, die persönliche Geschichte des Norbert Schaldach. Die andere Geschichte ist die des Emschermenschen. Emschermensch – das ist „überhaupt nicht ironisch oder augenzwinkernd gemeint“. Es geht dabei um Menschen, die entlang der Emscher leben und arbeiten. Schaldach wollte mit diesen Menschen in Kontakt treten, an ihren persönlichen Geschichten teilhaben und herausfinden, ob die Menschen im Ruhrgebiet immer noch so offen, direkt und geradeheraus sind. Mit seinem Fahrrad, wenig Gepäck und dem Ziel Dinslaken machte er sich Mitte Juli dann von Holzwickede auf den Weg. Nur seiner Ehefrau musste er versprechen, nicht unter einer Emscherbrücke zu schlafen.

Das Ganze erinnert an den Journalisten und Buchautor Michael Holzach, der 1980 mit seinem Hund und ohne Geld Deutschland erwanderte. Dabei kam das Buch „Deutschland umsonst. Zu Fuß und ohne Geld durch ein Wohlstandsland“ heraus, das damals zu einem Bestseller avancierte. So steht Schaldach auch in einer gewissen Linie mit Holzach. „Ich wollte das Leben der Menschen vor Ort sehen.“ Dabei kamen Begegnungen der besonderen Art heraus, ganz persönlich - „großartige Dinge, die sich durch Zufall ergaben.“ Vieles davon notierte er in seinem Blog, auf dem auch zahllose Fotos seiner Reise zu sehen sind. Und die Emschermenschen - die seien immer noch sehr herzlich, humorvoll und direkt, auch wenn sich durch die Deindustrialisierung nicht alles nur Guten entwickelt hätte. Von über 250 Bekanntschaften war kaum eine Handvoll dabei, die ihm gegenüber wenig zugetan war. „Ich habe ganz viel Bezug gefunden“, resümiert der 63-Jährige. Jetzt ist Norbert Schaldach zurück in Dinslaken, an der „Schwatten“.

 
 

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