Der Couchneurotiker

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Adnan Köse inszenierte Christopher Durangs „Trotz aller Therapie“, ein Stück über das Leben im New York der frühen 80er Jahre.

Dinslaken..  Bruce möchte heiraten. Und an sich spricht auch nichts dagegen. Die Blondine namens Prudence, die sich auf seine Annonce hin gemeldet hat, gefällt ihm, und Erfahrungen mit der Ehe hat er auch schon. Wenn da nicht damals die Sache mit dem Gasmann gewesen wäre, mit dem ihn seine Frau ertappt hat - und nicht umgekehrt. Und wenn Bob nicht wäre, dem man seine Eifersucht wirklich nicht verübeln kann. Schließlich sind er und Bruce schon seit einem Jahr ein Paar. Aber wer die Situation richtig kompliziert macht, sind die Therapeuten. Bruce, Bob und Prudence schlagen sich nämlich im New York der frühen 80er durchs Leben. Und das bedeutet, dass sie alle drei beständig in Therapie sind. So folgten Bonmots und merkwürdigen Begebenheiten viele ebenso skurrile Sitzungen, bis es in der Komödie von Christopher Durang, die in der Inszenierung von Adnan G. Köse am Mittwoch im Rahmen der städtischen Schauspiel-Abo-Reihe Premiere hatte, zum Happy End kam - „Trotz aller Therapie“.

Zurück in den Achtzigern. Was für eine Welt. Schon wie die Leute damals aussahen. Ali Murtaza trägt als Bruce nicht nur Vokuhila und Schnäuzer, er kombiniert diese Haarpracht mit pinkfarbenen Jacketts und Hawaiihemden. Friseur Volker Schürmannn hat die langen Haare von Marlene Zimmer (Prudence) und Vanessa Radman als verpeilte Therapeutin zu ausladenden Lockenwischmopps drapiert. Adnan Köse selbst, der den schwulen, suizidalen Bob als Transvestiten spielt und zudem noch als Prudences schmieriger Therapeut den Part des Widerlings im Stück übernahm, trägt abwechselnd roten Mantel und Handtäschchen und einen monströsen Schnauzbart. Und die Kellerin (Greta Schürmann) serviert auf Roller Scates.

Besser als die Mode der 80er Jahre hat sich die Musik gehalten. Zwischen den Szenen gibt’s Hits von Duran Duran bis Cure.

Das Wesentliche an „Trotz aller Therapie“ sind allerdings die Dialoge. Offen, freizügig, selbstreflektierend, neurotisch, literarisch. Sie machten das Stück einst zu einem Hit am Off-Broadway, der Stoff wurde später von Robert Altman verfilmt. Schon damals polarisierte „Trotz aller Therapie“, wurde gefeiert oder als schrullig empfunden. Auch das Publikum in Dinslaken reagierte extrem. Es jubelte oder es ging. Dazwischen gab es wenig,

Karatekid und Heulsuse

Wem es gefiel, konnte herzlich über die gut aufgelegten Darsteller und Sprüche wie „Sie reden und ich versuche mich zu erinnern, was ich gesagt habe“ lachen. Ali Murtaza spielt den Bruce agil und liebenswert zwischen Karatekid und Heulsuse (Anfang der 80er, als es noch undenkbar gewesen wäre das Männer das tun, was für James Bond und Captain Kirk in ihren letzten Filmen selbstverständlich war: hemmungslos zu weinen). Marlene Zimmer bleibt als Erfolgsneurotikerin vom Dienst dauerangespannt, Vanessa Radmann spielt die leicht nymphomane Therapeutin mit Wortfindungsschwierigkeiten mit schlafwandlerischer Sicherheit.

Und diese Typen versuchen nun gemeinsam oder gegeneinander herauszufinden, wer sie eigentlich sind, was sie eigentlich wollen, was sie vom Leben erwarten. In einer Zeit, als Homosexualität noch eine bunte Erscheinung am Rande der Gesellschaft war, aber einen Kontrast zu den Vorstellungen von Ehe und Familie darstellte. Als Stadtneurotiker auf Couchen lagen und zu Kierkegaard, Pulitzerpreisen und Snoopy-Plüschfigürchen zum Knuddeln als Lebenshilfen griffen.

Dabei hängt der Himmel wie in einer Sitcom voller Geigen, wenn Prudence Bruce küsst. Und die Mundharmonika spielt das Lied vom Tod, wenn Bob eifersüchtig mit der ungeladenen Waffe schießt. „Jeder ist bescheuert, und du bist halt wie jeder andere“, keift Prudence. Dies zu akzeptieren, ist der ernste Kern der Komödie.

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