Das verführte Volk

Dinslaken..  Der Internationale Museumstag lädt jährlich in Deutschland, Österreich und der Schweiz dazu ein, - bei freiem Eintritt – ein vielleicht unbekanntes Terrain zu betreten, Hemmschwellen zu überwinden oder den Eventcharakter zu nutzen, einen lang geplanten Ausstellungsbesuch endlich in die Tat umzusetzen. In Dinslaken beteiligte sich das stadthistorische Museum Voswinckelshof mit einer Führung und einer szenischen Lesung der Burghofbühne an der Aktion. Alle Angebote waren thematisch auf die aktuelle Sonderausstellung bezogen und das Konzept ging auf: Lesung, Führung und Ausstellung wurden gleichermaßen gut aufgenommen.

„Jüdisches Leben in Dinslaken“ heißt die vielbeachtete Ausstellung im Rahmen des Gedenkjahres 2013. Cordula Hamelmann erklärte den Besuchern nicht nur die Exponate, die sich mit dem jüdischen religiösen Leben in der Stadt bis 1938, mit Jeanette Wolff oder Fred Spiegel auseinander setzen. Sie wies auch auf die Mechanismen hin, mit denen die Nazis nach ‘33 auch mehr oder minder unterschwellig Deutschland gleichschalteten. Als Beispiel dienten die in der Ausstellung gezeigten Niederrheinischen Heimatkalender von 1933 und 1934. Beim letzteren ist die das Titelbild zuvor prägende Jugendstilschrift durch Frakturschrift ersetzt. „Das ist die Corporate Identity der Nazis“, so Hamelmann.

Die Spitze des Eisbergs

Nationalsozialismus und Führerkult zeigten sich nicht immer so martialisch, wie man es heute von den unbegreiflichen Schrecken der Konzentrationslager, dem Auftreten der SS oder den choreographierten Massenkundgebungen vor Augen hat. Dies schlägt sich in einem besonderen Phänomen wieder: Liebesbriefe, die Verehrerinnen jeglichen Alters in geradezu frappierender Verkennung der Realität an Hitler schrieben. 1994 gab Helmut Ulsdörfer 43 Briefe aus der Reichskanzlei heraus, sie stammen aus einem Archiv von 8000 Schreiben, die der US-Soldat W. C. Emker nach Kriegsende aus dem zerstörten und bereits teils geplünderten Gebäude geborgen hat. Seit acht Jahren stellt die Burghofbühne 14 davon in der szenischen Lesung „Liebesbriefe an Hitler“ vor. Am Sonntag lasen Anna Haack, Lara Christine Schmidt und Rosa Grunicke, was Frauen dem Führer mitzuteilen hatten, Carsten Caniglia zitierte aus einer Reaktion der Reichskanzlei.

„Purzelchen“, „Wölfchen“, „Herzensadolf“. Mit der Realität des Diktators haben die Schreiben der Frauen kaum etwas gemein. Es sind Briefe einsamer Seelen, fixiert auf eine Person, die als propagiertes Kultobjekt allgegenwärtig ist und zugleich den Frauen als Projektionsfläche ihrer eigenen Wünsche und Sehnsüchte dient. Hitler, der zu umsorgende Mann an der Front, der Wunschpartner, den es vor bösen Mächten zu beschützen gilt, dem man Kuchen und den Haustürschlüssel schickt und sein Herz ausschüttet über die eigene Banalität des Lebens.

Manches erinnert an heutiges Stalkertum und tatsächlich endeten einige der Briefe der mit polizeilichen Verfolgung ihrer Absender. Aber solche Briefe sind auch die Spitze des Eisbergs des Führerkults: Sie zeigen überspitzt aber authentisch, wie sich eine verblendete Nation von Hitler und seinem Führerkult verführen ließ.

 
 

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