Das Abenteuer Freundschaft

Dinslaken.  Der erste Bewerber auf die Pflegerstelle mit Rundumbetreuung pflegt vor allem alle Klischees, die man Menschen mit einer Körperbehinderung entgegen bringen kann. Der zweite Mann jedoch, der in der Pariser Stadtvilla des vom Hals abwärts gelähmten Philippe (Timothy Peach) vorstellig wird, ist einfach nur unmöglich. Driss (Felix Frenken) ist eigentlich nur gekommen , um sich den Schein für weitere Stütze unterzeichnen zu lassen, nutzt aber gleich die Gelegenheit, sich an Philippes persönliche Assistentin (Sara Spennemann) heranzumachen und eines der Faubergé-Eier aus der Vitrine mitgehen zu lassen. Was er allerdings nicht zu fassen bekommt, ist Philippes körperliche Situation. Kurz gesagt, wenn sich ein Mann, der im Geld schwimmt, aber nach einem verhängnissvollen, halb suiziden Paragliding-Sturzflug nicht mehr aus eigener Kraft bewegen kann, eine Herausforderung sucht, dann ist dieser junge Mann aus der Pariser Banlieue der Top-Kandidat für die neu zu besetzende Pflegerstelle.

Diese Ausgangssituation erinnert an „My Fair Lady“. Aber „Ziemlich beste Freunde“ ist mehr. Es ist die wahre Geschichte von Philippe Pozzo di Borgo und Abdel Yamine Sellou, in der Verfilmung ein erfolgreicher europäischen Kinohits der letzten Jahre und auch auf der Theaterbühne ein Stück, das das Publikum zu minutenlangen Beifallsstürmen hinreißt. Mittwoch füllte es im Rahmen der städtischen Aboreihe den großen Saal der Kathrin-Türks-Halle.

Philippe und Dries, zwei Männer, die auf dem ersten Blick nicht unterschiedlicher sein könnten. Der eine adelig, reich, gebildet, verwitwet, gefangen in seinem bewegungsunfähigen Körper, umgeben von einem goldenen Käfig. Der andere ein junger Mann aus der Banlieue, ein vorbestrafter Kleinkrimineller und großspuriger Sprücheklopfer, einer aus der so genannten bildungsfernen Schicht.

Kein Mitleid

Aber der erste Blick trügt. Menschen sind mehr als dass, was ihre Umgebung aus ihnen macht, was diese zulässt, sie zu sein. Sowohl Philippe wie auch Driss sind zwei Männer, die eigentlich vom Leben nichts mehr erwarten, die aber gleichzeitig eine unbändige Gier nach Leben vorwärtstreibt. Philippe sucht den Nervenkitzel, gerade weil sein Bruder Antoine (Michel Haebler) ihn vor Driss warnt: „Die Jungs aus der Vorstadt kennen kein Mitleid“. Aber Phillipe möchte auch kein Mitleid. Er möchte aus seinem Käfig gerissen werden.

Im Film führt dies zu nächtlichen Maserati-Fahrten, irren, verrückten Szenen. Die Bühnenadaption belässt diese als erzählte Rückblenden, der Raum der Stadtvilla wird kein einziges Mal verlassen.

Allerdings ist es auch nicht das Kammerspiel, das die Psychologie der beiden Hauptfiguren geradezu nahegelegt hätte. Gunnar Dressler schrieb für seine Bühnenfassung kleine, auf Schlusspointen setzende Szenen, die spotlichtartig aufblitzen. „Ziemlich beste Freunde“ bleibt von der Anlage her leichte Unterhaltung.

Dafür sind Timothy Peach, Sara Spennemann und vor allem der quirlige Felix Frenken echte Sympathieträger. Und so springt der Funke über zwischen dem Publikum im Saal und den „ziemlich besten Freunden“ auf der Bühne.

 
 

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