Aufgeputzt und abgeschminkt

Die RestKultur ist „Vorne weg“ mit ihrem neuen Programm.
Die RestKultur ist „Vorne weg“ mit ihrem neuen Programm.
Foto: Heiko Kempken/WAZ FotoPool
Restkultur blickte im Dachstudio mit neuem Programm „vorne weg ...“ hinter Kulissen.

Dinslaken..  Im Dachstudio wird noch geputzt, als das Publikum schon längst mit seinen Getränken an den Tischen Platz genommen hat, der freundliche Hausmeister fragt, ob man eine Dreifachsteckdose haben möchte. Die sei aber für Strom. Nicht für die drei Dinge, die man von den Abend eigentlich erwartet: Kabarett, Musik und Theater. Aber Obacht: Hausmeister, die Headsets nicht in den Händen, sondern einsatzbereit hinter den Ohren tragen, haben es auch so faustdick hinter den nämlichen. Das neue Programm von Restkultur „vorne weg...“ ist wortwörtlich zu nehmen: Hinten ist das neue Vorne. Herbert Menzel, Thomas und Bettina Hecker, Aurora Peters und Ingo Borgardts holen den Backstagebereich auf die Bühne. Hier spielte am Freitag (und am Samstag) die Musik, wurden politisches Kabarett gemacht, kalauert, gesungen und nachdenkliche Töne angeschlagen.

Das Theater ist die Welt. Die Putzfrauen outgesourced, der Hausmeister, der sich immer ganz meisterlich als der FC Bayern des Hauses fühlte, spielt jetzt in der Liga „Mädchen für alles“. Sogar die Schauspieler muss er schminken. Und diese, das ist die ungeschminkte Wahrheit, sind gespaltene Persönlichkeiten oder haben ein Alkoholproblem. Man kann sie sogar verstehen. Menschen, deren Lebensaufgabe es ist, sinnentleerte Sätze wie „Die Kanalratten hatten sich im Herbst kühler angezogen“ aufzusagen, müssen einen Schaden abgekommen. Und doch bleibt eine Rolle beim Theater der große Traum der kleinen Putzfrau Monika Wischermann.

Wer ist man, was macht man, wofür wird man wahrgenommen? „Ich hätte den Gysi gewählt, wenn die Wagenknecht nicht geredet hätte“, meint der bis zuletzt unentschlossene Wähler. Dabei solle man die Parteien ja nicht nach Äußerlichkeiten beurteilen. „Aber es ist nun mal das Dilemma von CDU und SPD, dass sich die beiden durch die Farbe unterscheiden“. Die Grünen ärgern sich über die FDP, weil sie nun die kleinste Partei im Bundestag sind, dabei stimmte ihr eigenes Timing nicht: Wie kann man einen Veggie-Day mitten in der deutschen Grillsaison ausrufen?

Die „Sensenfrau“

Alles absurd? Vielleicht liegt’s an der deutschen Sprache. Ein, zwei Buchstaben vertauscht, und schon enthüllen sich ungeahnte Zusammenhänge: Stichwort enthüllen: „Theater können gut die Hallen füllen, wenn die Hüllen fallen“ ist fast so schön wie „Ich sitz’ auf einem Flaschenschiff und fisch mir einen laschen Fisch“.

Die, die die Arbeit machen, träumen von Luxus und den prächtigen Theaterroben (Kostüme: Daniela Vogel), die, die im Rampenlicht stehen, finden keine Bodenhaftung mehr. Wenn Aurora Peters mit harter Stimme Chansons singt, weht ein Hauch von Brecht durchs Dachstudio. Zum Schluss kommt sie als „Sensenfrau“ daher. Bis dahin dürfen die Männer noch Lösungen für ganz alltägliche Probleme finden: Wenn einem nie an der eigenen Frau Veränderungen in Frisur und Kleidung auffallen, sollte man jeden Morgen und Abend Vorher-Nachher-Fotos machen und diese wie die Fehlersuchbilder in Zeitschriften vergleichen.

Manchmal ist Kabarett so nützlich und hilfreich wie, ähm, eine Dreifachsteckdose. Viel Applaus für Restkultur.

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