Arme Voerder!

Pater Dr. Ludger Horstkötters Vortrag über die Nöte der Landbevölkerung vergangener Jahrhunderte erhielt große Resonanz.

Voerde.. Nein, reich werden konnte die Voerder nie. Warum, wusste Pater Dr. Ludger Horstkötter am Donnerstagabend zu berichten. Er folgte mit seinem stadthistorischen Vortrag einer Einladung des Vereins für Heimatpflege und Verkehr Voerde.

Doch zunächst kam der Pater aus der Abtei Hamborn selbst ins Staunen. Fand er doch den großen Sitzungssaal des Rathauses der Stadt bis zur letzten Stuhlreihe gefüllt vor. Das derartig große Interesse am historischen Thema ließ sich wohl auch dadurch erklären, dass so manch einer, ähnlich wie es Heinz Boß als Vorsitzender des Heimatvereins aussprach, hoffte, aus Fehlern der Vergangenheit Erkenntnisse bei der heutigen Finanzmisere der Stadt zu ziehen. Aber das lobenswerte Mittel, aus der Geschichte zu lernen, greift nicht immer. Die Verhältnisse ändern sich manchmal doch sehr. Und im Fall der Orte, aus denen 1950 die Gemeinde Voerde entstand, muss man sagen: zum Glück. Ein Blick auf nachdenkliche, teils bestürzten Mienen während des Vortrags sprach Bände.

Drei Gründe nannte Pater Ludger für die Misere der Menschen auf Voerder Gebiet in den vergangenen Jahrhunderten und führte sie detailliert und mit umfassendem Wissen der niederrheinischen Geschichte aus: Wasser, Krieg und Grundbesitz.

Eisschollen brachten Überflutungen

Von Wasser und Krieg gab es zu viel, von Grundbesitz zu wenig. Letzteres der konstanteste Grund für mangelnden Reichtum. Das heutige Voerder Gebiet gehörte vielen – nur nicht denen, die es bewirtschafteten. Die Abtei Hamborn besaß dort Güter, es ist der Grund, warum sich Pater Ludger als fundierter Forscher der alten Klostergeschichte überhaupt zwischen Rhein und Lippe auskennt. Dann gab es selbstverständlich noch das Haus Kleve, aber auch die Abtei Deutz und das Damenstift St. Quirin in Neuss... Mit den Abgaben aus Erb-, Gewinn- oder Zeitpacht wurden andere reich, nicht die Bauern, die das Land teils über Generationen bewirtschafteten.

Doch bedeutete Land in Voerde gerade in der Nähe von Rhein und Lippe keineswegs sichere Einkünfte, nicht einmal Schutz fürs eigene Leben. Hochwasser war eine ständige Bedrohung. In einer Art, wie man sie sich heute kaum noch vorzustellen vermag: Es waren Eisschollen, die sich wie Barrieren und Staudämme auf dem teils zugefrorenen Rhein übereinander schoben und im schlimmsten Fall als Grundeis bis auf den Boden des Flusses festfroren. Dann bahnte sich das nachfließende Wasser mit Macht Wege und zu beiden Seiten des Ufers: die Flutkatastrophe war unvermeidlich. Dr. Luder Horstkötter erinnerte an das versunkene Rhenum zwischen Götterswick und Mehrum ebenso wie an die Weiden, die die Mehrumer Bauern auf der heute Rheinberger Seite als Genossenschaft nutzten: bis ins 17. Jahrhundert floss der Rhein in mehreren Armen – linksrheinsch! Wurden die Felder überflutet, minderten die Klöster die Pachtabgaben oder verrechneten Entschädigungen.

Doch das größte Leid, das die Menschen heimsuchte, war der Mensch selber. Kriege verwüsteten das Land und meistens waren es fremde Kriege, unter denen die Voerder am zu leiden hatten. Plünderungen, Vergewaltigungen, Morde im Truchsessischen Krieg, spanische Soldaten, die die Mehrzahl der Götterswickerhammer Pächter ermordeten. Und dann stand der 30-Jährige Krieg mit all seinen Schrecken noch bevor.

Es gab also viele Gründe, warum Voerde nie reich wurde. Aber auch das wurde an diesem Abend deutlich: Egal wie sehr die Kommune heute unter Sparzwang steht, was die Menschen in der Vergangenheit ertragen mussten, war ungleich verzweifelter.

 
 

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