Als die Stadt zusah und nichts tat

Heinz Ingensiep und Gisela Marzin vom Stadtarchiv.
Heinz Ingensiep und Gisela Marzin vom Stadtarchiv.
Foto: Lars Fröhlich / WAZ FotoPool
Heinz Ingensiep stellte sein Buch über das jüdische Waisenhaus in Dinslaken vor

Dinslaken..  „Die Schande hat einen Namen bekommen: ‘Reichskristallnacht’. Die bislang dunkelsten Stunden in der Geschichte der Stadt. Und nicht einmal der Zeitraum stimmt. Denn die Greueltaten wurden in Dinslaken am helllichten Tage verübt, vor den Augen vieler Bewohner, die zumindest nichts dagegen unternahmen, in einigen uns berichteten Fällen sogar selbst mit Hand anlegten“.

Der Bericht, aus dem dieses Zitat stammt, ist auf den 12. 11. 1938 datiert, als Veröffentlichung der Zeitung NETZ. Doch diese hat es nie gegeben. NETZ steht für die „Nie Erschienene TagesZeitung“. Wahr dagegen sind die darin beschriebenen Schilderungen: Sie beziehen sich auf das Ende des jüdischen Waisenhauses in Dinslaken. Und auch der Journalist, der die Zeilen verfasste, ist echt: Es handelt sich um den den NRZ-Lesern bestens vertrauten Heinz Ingensiep. Für Museum Voswinckelshof und Stadtarchiv schrieb er begleitend zur Ausstellung „Jüdisches Leben in Dinslaken“ ein Buch, das auf 56 Seiten umfassend die Vertreibung der Kinder aus dem jüdischen Waisenhaus in Dinslaken schildert. Gestern stellten er und die Stadtarchivarin Gisela Marzin „Eine Stadt schaut zu - Das Ende des Israelitischen Waisenhauses in Dinslaken“ im Museum Voswinckelshof vor.

Material zum Thema ist schon zuvor publiziert worden. „Aber es sind in mehreren Publikationen verstreute Bruchstücke“, so Heinz Ingensiep. Seine wichtigsten Quellen waren die Erinnerungen von Yitzak Sophoni Herz, der nur Tage vor der Pogromnacht die Leitung des Waisenhauses kommissarisch übernommen hat. Ingensiep machte sie zur Grundlage seiner NETZ-Berichte. Ebenso konnte er sich auf die Festschrift 50 Jahre Waisenhaus von 1934 und die Sekundärliteratur von Kurt Tohermes, Jürgen Grafen, Adolf Kraßnigg und Anne Prior stützen.

Aufarbeitung im Gedenkjahr

Nun also alles gebündelt aus einer Hand, übersichtlich aufbereitet in Reportageform und in kurzen Buchkapiteln von maximal zwei Seiten. Das Buch richtet sich an eine jüngere Leserschaft, an die Schülerinnen und Schüler der weiterführenden Schulen in Dinslaken, die sich im Unterricht mit dem Nationalsozialismus beschäftigen wie wie an Dinslakener, die sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen.

Eine Aufarbeitung, die im Gedenkjahr 2013 besonders im Blickpunkt steht, die sich allerdings erst Jahrzehnte nach Kriegsende in Dinslaken langsam entwickelte. Das Buch rührt auch an diesen dunklen Punkten: Schon das Cover zeigt - als Negativbild - ein Foto eines Naziaufmarsches auf dem Dinslakener Altmarkt und auch der anklagende Titel ist mit Bedacht gewählt.

Im November kamen Marzin und Theissen für das Buch auf Heinz Ingensiep zu, nachdem der Sichtung allen Materials schrieb er es in vier Wochen. „Ich kann es nicht lassen“, so der Autor, „und es macht mir Spaß. Gerade, wenn es sich um etwas Historisches handelt.“ Weitere Veröffentlichungen? Nicht ausgeschlossen.

 
 

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