Wolfgang Niedecken: „Habe keine Zeit zu verplempern“

Thomas Winterberg
Wolfgang Niedecken kommt mit BAP zum Beispiel am 2. Dezember in die Olsberger Konzerthalle
Wolfgang Niedecken kommt mit BAP zum Beispiel am 2. Dezember in die Olsberger Konzerthalle
Foto: WP
  • „Zuversicht“ ist ein Lebensmotto des Künstlers
  • „Unser Erfolg ist, dass wir etwas Unaustauschbares machen“
  • Niedecken fürchtet, dass die Verblödung in Deutschland voran schreitet

Olsberg. „Dä Herrjott meint et joot met mir“, sagt Wolfgang Niedecken. Der 65-Jährige ist ein Mann, der in sich ruht und mit einer großen Portion Zuversicht durchs Leben geht. Im Interview mit unserer Zeitung spricht er über das Erfolgsrezept seiner Gruppe BAP, über sein Leben nach dem Schlaganfall und darüber, dass er seitdem wesentlich entschlossener geworden ist und „keine Zeit zu verplempern hat“.

40 Jahre BAP – hätten Sie sich damals träumen lassen, dass die Erfolgsgeschichte so lange andauern würde?

Wolfgang Niedecken: Das war überhaupt nicht absehbar. Die Band ist aus einer Feierabend-Band entstanden. Wir hatten überhaupt nicht vor, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Man musste uns nahezu überreden. Der Mann, der den ersten Auftritt bei uns losgeschlagen hat, ging nicht eher aus dem Probenraum, bis wir zugesagt hatten. Das war eine Veranstaltung gegen den Bau der Stadtautobahn in Köln. Aber dann haben wir Blut geleckt. Es kam die erste Platte, die völlig unerwartet im Kölner Stadtgebiet 4000 Mal über die Theke ging.

Und was ist Ihr Erfolgsrezept?

Ich glaube, wir haben Erfolg, weil wir etwas Unaustauschbares machen. BAP gibt es nur einmal. Es haben viele versucht in unsere Fußstapfen zu treten. Wir sind eine klassische Rockband, wo der Sänger halt in seinem Dialekt singt - in dem Fall Kölsch. Das ist eine wunderbar zu singende Sprache. Ich singe Songs über Themen, die mich interessieren. Wir haben ‘ne sehr treue Fangemeinde, die uns auch immer wieder die Chance gibt, was Neues zu machen.

Warum bleibt es bei Kölsch’en Texten? Haben Sie nicht mal überlegt, auf englische (oder hochdeutsche) Songs umzuschwenken?

Die Dialekte sind am Aussterben. Als wir das erste Album 1979 aufgenommen haben, wurden Dialekte noch mehr gelebt. Mittlerweile sieht es so aus, dass im Alltag kaum noch Dialekt vorkommt. Ich verstehe mich aber auch nicht als Brauchtumspfleger. Ich singe nach wie vor so, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Beim letzten Album hatte ich einen Text auf Kölsch geschrieben und dann festgestellt: ,Nee, den kannst Du so nicht bringen.’ Dann habe ich ihn etwas hochdeutscher formuliert. Bei mir sind immer die Nackenhaare entscheidend. Ich singe Kölsch, weil ich da nicht um Umwege drumherum denken muss. Mit sechs Jahren bei meiner Einschulung musste ich erstmal Hochdeutsch lernen. Kölsch ist meine Muttersprache.

Ihre aktuelles Album heißt „Lebenslänglich“. Über dieses Urteil freut man sich in der Regel nicht. Was bedeutet „Lebenslänglich“ für Sie?

Der Titel kommt ja aus einer Textzeile aus dem Song „Unendlichkeit“. Das heißt es: „Lebenslänglich sucht man Zuversicht“. Einer meiner zuversichtlichsten Momente war der, als ich nach meinem Schlaganfall aus der Narkose aufgewacht bin und genau wusste: Es wird alles wieder gut. Ich war der Einzige, der es wusste, dass es wieder gut wird. Selbst als die Ärzte noch schwer gezweifelt haben und auch meine Familie nicht wusste, welchen Mann sie da jetzt zurück kriegen würden. Ich wusste es einfach. Und deswegen ist Zuversicht für mich auch so ein wichtiger Begriff geworden.

Wie hat der Schlaganfall vor fünf Jahren Ihr Leben verändert? Ist es nicht ein komisches Gefühl, wenn einem der Körper sagt: Du hast Grenzen, auch Deine Zeit ist nur begrenzt?

Jaaaa, aber ich habe nicht den landläufigen Schlaganfall gehabt. Er kam nicht von einer hektischen Lebensweise oder weil ich rumgesumpft hätte. Ich hatte eine Woche lang schweren Husten und dadurch hat sich in meiner Halsschlagader, die bei mir serpentinenförmig verläuft, eine Wunde gebildet. Daraus ist ein Gerinnsel nach oben gestiegen. Ich muss mich nicht in Acht nehmen, dass ich gesünder lebe, denn ich treibe immer schon Sport, achte auf meine Ernährung, rauche nicht und trinke nur selten Alkohol. Aber Gedanken macht man sich schon. Ich bin auch nach dem Schlaganfall vor allem entschlossener geworden. Ich habe gemerkt, dass ich keine Zeit zu verplempern habe.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

(lacht) Schau’ wir mal. Ich sag ja immer, wir Kölner sind alle rest-katholisch, ich bin kein Atheist. Ich weiß nicht, was noch kommt, ich halte alles für möglich, aber ich hab’ da keine Gewissheit. Und dieses pure Glauben – das muss ich auch gar nicht. Ich glaube an den Kategorischen Imperativ. Der Kant hat sich das schon genau überlegt. Runtergebrochen auf Kindersprache: ,Was Du nicht willst, dass man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu.’ Daran glaube ich . Und den Rest sehen wir dann.

Während der Tour-Pause wollten sie in der Türkei abschalten, sind dann aber nach Kreta gereist. Warum Griechenland statt Bosporus?

Weil es eine naheliegende Lösung war. Es gibt dort an der Südküste noch sehr gastfreundliche Orte, die noch nicht vom Massentourismus überflutet sind. Es waren sehr schöne dreieinhalb Wochen. Ich habe aber auch jeden Tag an meine Freunde in der Türkei gedacht und werde auch wieder dorthin fliegen, weil ich mich da familiär aufgenommen fühle. Ich bin jetzt bewusst nicht hingefahren. Putschversuch, die Verhaftungswelle, die Wiedereinführung der Todesstrafe stand zur Debatte – die peinliche Machtgier von diesem Erdogan – da würde ich ungern – ich übertreib es mal - abends irgendwo im Strandcafé mit einem türkischen Macho drüber diskutieren wollen. Ich weiß, ich kann auch mein Maul nicht halten. In diesen unsicheren Zeiten brauche ich das nicht. Ich weiß auch nicht, was womöglich in Interviews oder bei Konzerten mitgeschnitten wurde von dem, was ich über Erdogan von mir gegeben habe - das wäre mir dann zu link in einem Land, wo der Ausnahmezustand gilt.

Ihr Lied „Kristallnaach“ ist 30 Jahre alt, hat aber leider immer noch oder schon wieder aktuellen Bezug. Wie beurteilen Sie die Asylpolitik und was sagen Sie zu 21 Prozent AfD in Mecklenburg-Vorpommern?

Das ist grauenhaft, diese 21 Prozent – auch wenn man sich trösten kann, dass 80 Prozent die AfD nicht gewählt haben. 21 Prozent, die nicht in der Lage sind, sich zu informieren. Mecklenburg-Vorpommern ist das Bundesland mit dem geringsten Ausländeranteil. Das ist schon höchst grotesk. Da kann man jetzt versuchen, milde mit umzugehen und sagen: Okay, die Leute sind verängstigt. Aber bitte, wir leben in einer Informationsgesellschaft, man kann schon wissen, was abgeht. Vielleicht greift auch die Verblödung mittlerweile endgültig um sich. Zappen Sie doch mal nachts durch alle Fernsehkanäle, dann weiß man, wie weit die Verblödung fortgeschritten ist.

Am 15. November spielen sie in der Dortmunder Westfalenhalle 1, die 15 000 Menschen fasst am 2. Dezember in der Konzerthalle Olsberg vor 2000 Leuten? Macht das für Sie einen Unterschied?

Ich hab’s immer gerne, wenn das Publikum gute Voraussetzungen hat. Es gibt winzige Clubs, wo die Leute furchtbare Voraussetzungen erleben und es gibt große Arenen, wo die Leute unter hervorragenden Voraussetzungen sehen und hören – und umgekehrt. Meine ideale Hallengröße bewegt sich irgendwo zwischen 3000 und 4000 Leuten. Weil dann brauchst Du noch keine großartigen Videowalls. Du kannst noch selber von jeder Stelle des Saales aus alles sehen, kannst beobachten, wie die Band sich untereinander verhält, welche Mimik, welche Körpersprache da ist. Die Kölnarena mussten wir spielen, weil es sonst geheißen hätte, ,die kriegen die Hütte nicht mehr voll’. Wir haben es gemacht, sie war voll, es war ein Riesenkonzert, aber die Zusatzkonzerte machen wir in Köln: drei Stück, im Palladium, 4000 Leute. Einfach weil wir uns darin wohler fühlen.

Kennen Sie das Sauerland?

Ja, klar. Wir haben schon in Olsberg gespielt und auch so. Ich war auch schon dort. Immer wieder mal. Als Kind mit meinen Eltern, wenn wir Tagesausflüge gemacht habe. Ist ‘ne wunderbare Gegend da; gibt’s ja nix zu nörgeln.

Der Sauerländer an sich gilt als sehr heimatverbunden. Was ist für Sie Heimat?

Ich finde, Heimat hat immer was mit Geborgenheit zu tun. Köln ist mein Heimathafen, wo ich immer glücklich bin, wenn ich aus dem Hafen mal aufbrechen darf, aber auch, wenn ich wieder zurückkomme. Ansonsten kann aber auch ein gutes Buch, gute Musik, gute Kunstwerke dazu beitragen, dass man sich aufgehoben fühlt. Mir passiert das oft, dass ich aus einem guten Film oder aus einer guten Ausstellung herauskomme und mich aufgehoben und verstanden fühle. Wo ich nicht damit hadern muss, was ist das denn wieder für eine Sülze gewesen. Heimat muss kein Ort sein, ist auch ein Gefühl. Heimat erzeugt ein Gefühl der Geborgenheit.

Hypothetisch gedacht: Sie könnten in Ihrem Leben an einer entscheidenden Stelle das Rad noch einmal zurückdrehen. Was würden Sie anders machen?

Solche Punkte gibt es immer wieder mal. Wenn nicht, würde das ja bedeuten, dass ich bislang alles richtig gemacht hätte. Die wichtigste Gabelung habe ich genommen, als ich endlich Malerei studieren durfte. Da habe ich mich für den riskanten Weg entscheiden und der ist, Gott sei Dank, gut gegangen. Natürlich auch im privaten Sektor, was meine erste gescheiterte Ehe betrifft. Da hätte ich einiges besser machen können. Aber im Großen und Ganzen kann ich mit einem Liedtitel antworten: ,Dä Herrjott meint et joot met mir’. Das ist wirklich so.

Das Tauschkonzert „Sing meinen Song“ bei VOX hat Ihnen eine Menge neuer Zuhörer beschert. Leute, die Sie vorher nicht kannten, oder?

Ja, das glaube ich auch. Das Projekt ist auch, Gott sei Dank, gut gegangen. Die haben mich ja schon zur ersten Staffel angefragt. Damals habe ich allerdings geglaubt, das sei so eine Art Dschungelcamp und so was mache ich halt nicht. Als sie bei der dritten Staffel nochmal gefragt haben, habe ich gesagt. So lange kein Schlagersänger dabei ist, mache ich gerne mit.

Sie waren in der Staffel aber auch ein ruhender Pol?

Ja, als die Kollegen bei jeder Gelegenheit aufsprangen und sich in den Armen lagen, bin ich meistens sitzengeblieben. Das bin ich einfach nicht, das hätte mir auch keiner abgenommen. Ich freue mich jetzt schon, wenn wir die Weihnachtssendung aufnehmen und sich alle wieder treffen. Na ja, und der Sammy Deluxe hat ja sogar um Adoption ersucht. Habe ich natürlich gern getan. Habe also jetzt fünf Kinder, wunderbar. Ist ja auch ‘ne Ehre.