„Wie und wo möchten Sie gern sterben?“

Meschede.  Gesellschaft und Politik diskutieren zurzeit über Änderungen bei der Sterbehilfe. Bei der Abstimmung, die im Bundestag folgen wird, wird es um die Gewissensentscheidung jedes einzelnen Abgeordneten gehen. Wir haben unsere heimischen Abgeordneten Dirk Wiese (SPD) und Patrick Sensburg (CDU) zu ihrer Meinung befragt.

Frage: Wenn Sie es sich wünschen könnten, wie und wo möchten Sie gern sterben?

Dirk Wiese: Einfach umkippen nach einem guten Abend mit Familie und Freunden. Ob es so kommen wird, ich weiß es nicht.
Patrick Sensburg: Darüber mache ich mir derzeit nun wirklich keine Gedanken!

Was halten Sie von Sterbehilfe, wie sie jetzt in Belgien praktiziert werden soll, dass untherapierbare Straftäter das Recht haben zu sterben?

Sensburg: Bei diesem Fall aus Belgien geht es nicht darum, dass der Sexualtäter untherapierbar ist, sondern dass der Häftling es nach seinen Angaben nicht mehr in der Justizvollzugsanstalt aushält. Darum will er sich umbringen. Es ist aus meiner Sicht schrecklich, ihm dies jetzt staatlich zu ermöglichen. Hier wird danach gemessen, ob ein Straftäter lebenswert ist oder nicht. Abscheulich!
Wiese: Hierbei handelt es sich aus meiner Sicht um einen klaren Fall unzulässiger Sterbehilfe. Ein körperlich kerngesunder Straftäter, der eine lebenslange Strafe absitzt, soll die Möglichkeit bekommen, unter staatlicher Aufsicht zu sterben? Wer führt dies aus? Man kann hier schon von einer Art indirekter Todesstrafe sprechen. Für mich nicht denkbar.

Auch Sterbehilfe für todkranke Kinder ist in Belgien erlaubt. Was sagen Sie dazu?

Wiese: Sterbehilfe im Fall von Kindern halte ich für ethisch sehr bedenklich. Wir stehen momentan noch am Anfang der Debatte im Parlament, aber hier müssen wir besonders sorgfältig diskutieren und Argumente abwägen, da sich viele komplexe Fragen auftun und die Gefahr des Missbrauchs gebannt werden muss. Denn: Wer entscheidet dies? Die Eltern? Mehrere Ärzte? In welchem Alter ist ein Kind entscheidungsfähig? Ich denke, dass die Regelungen in Belgien diesbezüglich zu weitgehend sind.
Sensburg: Auch aus meiner Sicht ist dies ein ganz schlimmer Weg, der da eingeschlagen wird. Im Kern geht es doch darum, gerade bei Kindern die jahrelangen medizinischen Kosten zu sparen. Außerdem ist das Begleiten in den Tod natürlich viel schwerer, als einfach vom Arzt die Geräte abstellen zu lassen.

Auch bisher schon haben Ärzte am Ende des Lebens durch erhöhte Gaben etwa von Morphium ein Leben beendet. Müsste man nicht auch solche „Hilfen“ aus der Grauzone herausholen?

Sensburg: Nach meiner Meinung sollte dies auch verboten werden. Ärzte haben nicht die Aufgabe zu töten – und dies ohne Wenn und Aber.
Wiese: Für mich ist dies die entscheidende Frage: Müssen wir überhaupt etwas neu regeln und wenn ja, was? Bei der indirekten Sterbehilfe, also der Schmerztherapie mit unbeabsichtigter Lebensverkürzung, gibt es schon heute Möglichkeiten und Wege. Klar muss aber auch sein, dass Ärzte nicht ständig den Staatsanwalt im Hinterkopf haben dürfen, wenn sie Menschen in medizinisch ausweglosen Situationen helfen. Dies werden wir in den kommenden Wochen intensiv zu diskutieren haben.

Wenn wie in der Schweiz ein Verein die Sterbehilfe praktiziert - wäre das eine Lösung für Deutschland?

Wiese: Sterbehilfe ist ein Thema, das in das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient gehört. Kommerzielle Vereine lehne ich ab. Aber es gibt Menschen, die sich für diesen Weg entschieden haben, weil sie keinen anderen Ausweg mehr gesehen haben. Wie können wir ihnen helfen? Ich meine, dass wir eben auch darüber diskutieren müssen, dass ein Arzt nach eingängigen Beratungsgesprächen die Möglichkeit haben sollte, beim Sterben zu helfen.
Sensburg: Nein, die Tötung eines Menschen wird doch nicht moralisch vertretbarer, wenn sie über Vereine organisiert wird. Am besten erkennt man dann solchen Vereinen noch die Gemeinnützigkeit zu, weil sie alte und kranke Menschen aus der Welt befördern. Schlimm!

„Wenn ein sterbenskranker Patient unter Schmerzen oder Ekel leidet, die auch die Palliativmedizin nicht lindern kann, dann muss der Arzt ihm helfen dürfen, wenn der Patient darum bittet. Es kann keinen Zwang zu einem qualvollen Tod geben“, hat Peter Hintze (CDU), Theologe und Politiker, gesagt. Was sagen Sie dazu?

Wiese: Da hat mein Kollege auf den ersten Blick Recht. Daneben muss aber eine flächendeckende palliativ- und hospizmedizinische Betreuung, die Hilfe beim Sterben, stationär und ambulant gewährleistet sein, damit ausgeschlossen ist, dass die Entscheidung durch andere Faktoren beeinflusst wird. Erst dann besteht de jure eine freie Entscheidungsmöglichkeit bei der Inanspruchnahme von Hilfe zum Sterben. Ein Mensch sollte aus meiner Sicht auch ein Recht auf ein würdevolles und schmerzfreies Sterben haben.
Sensburg: Hier muss ich deutlich dieser falschen Behauptung entgegentreten: In Deutschland muss niemand unter Schmerzen sterben! Dies wird immer wieder behauptet und damit werden Ängste geschürt. Durch den Ausbau von Palliativstationen, Hospizen und der ambulanten Palliativversorgung muss niemand unter Symptomen wie Schmerzen, Atemnot oder Übelkeit leiden oder sich am Lebensende alleingelassen fühlen. Dies können Patienten auch einfordern und hierfür müssen wir alles tun.

 
 

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