Wenn eine Mutter ihr Baby nicht lieben kann

„Nur die Liebe fehlt - Von Depressionen nach der Geburt und Müttern, die ihr Glück erst finden mussten“
„Nur die Liebe fehlt - Von Depressionen nach der Geburt und Müttern, die ihr Glück erst finden mussten“
Foto: WP
  • Petra Wiegers macht postpartale Despression zum Thema ihres neuen Buches – und bricht ein Tabu
  • Vier Frauen erzählen ihre Lebensgeschichte: „Stark verfremdet aber auf realen Erzählungen basierend“
  • Enormer Druck auf Frauen, hormonelle Umstellung und Energiemangel als Ursachen

Oesdorf/München.. „Es gibt kaum ein größeres Tabu in unserer Gesellschaft: Eine Mutter liebt ihr Baby nicht! Postpartale Depression lautet ein Grund dafür – kalt und klinisch“. So beginnt Petra Wiegers (42) die Einleitung zu ihrem ersten Buch „Nur die Liebe fehlt – Von Depression nach der Geburt und Müttern, die ihr Glück erst finden mussten“. Zu Wort kommt auch die Psychiaterin Dr. Susanne Simen. Ihre ersten journalistischen Erfahrungen sammelte sie als freie Mitarbeiterin in der WP-Redaktion in Brilon.

Wenn nach der Geburt die Liebe fehlt. Frau Wiegers, Sie haben sich mit Ihrem Buch einem schwierigen Thema gestellt. Wie kam es dazu?
Petra Wiegers: Ich habe zu dem Thema schon vor einigen Jahren mit meiner Recherchearbeit für einen Dokumentarfilm für die ARD und den BR begonnen. Dafür habe ich drei betroffene Frauen über einen Zeitraum von einem Jahr begleitet. Aber ich habe auch mit sehr vielen anderen Frauen gesprochen, die nicht vor die Kamera wollten, die mich aber sehr nah an sich herangelassen haben. So hatte ich sehr viel Material, das ich zwar nicht für die Dokumentation verwenden konnte, das ich aber gerne veröffentlichen wollte, um so dazu beizutragen, dass das Thema endlich offen thematisiert und enttabuisiert wird. Den: zehn bis 20 Prozent aller Mütter sind von einer postpartalen Depression betroffen.

Ihr Buch liest sich sehr spannend, wie ein Krimi. Sie beschreiben darin die bewegenden Geschichten von vier verschiedene Frauen, die um die Liebe zu ihrem Kind und ihren Lebensmut kämpfen mussten. Die Lebensgeschichten haben also einen wahren Hintergrund?
Ja. Die Geschichten basieren auf realen Erzählungen, sind aber von mir stark verfremdet worden, damit ich die Privatsphäre der Frauen schütze. Ich beschreibe vier verschiedene Charaktere, die es so in Wirklichkeit nicht gibt. Die Handlungen sind fiktiv. Aber alles hätte so genau passieren können. Jede Frau, die eine postpartale Depression mitgemacht hat, kann sich darin wiederfinden.


Was steckt hinter einer postpartalen Depression?
Bleiben die erwarteten Glücksgefühle nach der Geburt aus, ist die Bestürzung rund um Mutter und Kind groß. Das Wissen, den Erwartungen durch die ausbleibenden Gefühle für das eigene Kind nicht zu entsprechen, setzt die Mutter selbst unter enormen Druck. Mütter mit einer postpartalen Depression stellen sich verzweifelt selbst in Frage. Sie empfinden Traurigkeit und Schuldgefühle dem Kind und der Familie gegenüber und sind erfüllt von Ängsten und Aggressionen. Und durch die große Scham öffnen sie sich meist niemandem und rutschen dadurch noch tiefer in die Krankheit.


Sie haben sich lange und intensiv mit dem Thema beschäftigt. Wie kommt es überhaupt zu einer postpartalen Depression?
Einer von vielen Gründen ist, dass Frauen heute einem großen Druck unterliegen. Sie wollen gute Mütter sein, sich liebevoll um ihre Kinder kümmern, aber auch schnell wieder zurück an den Arbeitsplatz. Sie wollen bewusst leben, sich gesund ernähren, sportlich, gepflegt, modisch und attraktiv sein. Sie wollen eine gute Ehe führen. Viele Frauen wollen alles und sie wollen alles perfekt. Und dann kommt alles ganz anders. Das Idealbild scheint unerreichbar. Und dann spielen die Gefühle nicht mit. Hinter einer Depression steckt immer auch ein Energiemangel. Die Menschen haben das Gefühl, dass sie nicht mehr weiter können, dass sie keine Kraft mehr haben, dass sie total geschwächt sind. Manche Frauen hassen aber einfach ihre neue Rolle als Mutter und können sich darin nicht wiederfinden. Dann spielt natürlich die hormonelle Umstellung eine Rolle.


Ihr Buch ist also auch ein Ratgeber?
In erster Linie will ich mit meinem Buch umfassend informieren. Die Geschichten sollen wachrütteln. Es soll dazu beitragen, dem Phänomen postpartale Depression mit Verständnis und Offenheit zu begegnen. Es soll den Frauen Mut machen, die sich bisher nicht getraut haben, über ihre Krankheit zu sprechen. Und das Gefühl vermitteln: „Du bist nicht allein mit deinem Problem.“ Dieses Buch soll jungen Müttern helfen, sich zu öffnen, Angehörigen helfen, richtige Schlüsse zu ziehen und Mitmenschen helfen, genauer hinzusehen.


Ihre Zwillinge sind sieben Jahre alt, ein Junge und ein Mädchen. Sie sind verheiratet und beruflich gut eingebunden. Vermissen Sie manchmal das beschauliche Sauerland?
(Lacht) Regelmäßig besuche ich alle vier bis sechs Wochen meine Eltern und Geschwister in Oesdorf und meine beste Freundin in Westheim. Das genießen wir alle sehr. Vor allem die Kinder. Denn die können dort, anders als in München, allein beim Bäcker einkaufen oder frischen Honig vom Imker holen.

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