Wenn der Mann mit Eimer und Pipette kommt, müssen sich Algen warm anziehen

Thomas Winterberg
Hygieneinstitut Gelsenkirchen nimmt Proben am Hillebachsee: Jürgen Hijzelendoorn bei der Arbeit.
Hygieneinstitut Gelsenkirchen nimmt Proben am Hillebachsee: Jürgen Hijzelendoorn bei der Arbeit.
Foto: WP

Niedersfeld.  Ein Nordic-Walker dreht zum zweiten Mal die Runde um das Ufer des Hillebachsees. Aufgeregt wartet ein Golden Retriever darauf, dass sein Frauchen ihm ein Stöckchen zum Apportieren wirft. Unterdessen brummt ein Mitarbeiter des Städtischen Bauhofs mit einem Rasenmäher über die Wiesen. Das Gras kann er damit mühelos stutzen, Algen leider nicht. Eine ganz bestimmte Gattung davon hat sich am Hillebachsee so stark vermehrt, dass dort aus gesundheitlichen Gründen niemand mehr baden darf: Blaualgen (Cyanobakterien).

Ein Kombi mit Gelsenkirchener Kennzeichen und der Buchstabenkombination „HY“ fährt vor. „HY“ – das steht bestimmt für „Hygieneinstitut“. Und der Mann, der wenig später in Gummistiefeln und mit Eimern, Keschern, Sieben, Röhrchen und Fläschchen bewaffnet zum See geht, heißt Jürgen Hijzelendoorn. Der 58-Jährige ist Sachverständiger für Bädertechnik und ist bei dem 100-Mitarbeiter-Institut in Gelsenkirchen beschäftigt, das allein 700 Bäder in NRW, Rheinlandpfalz und Hessen überwacht. Meistens geben die Kommunen diese Überprüfungen in Auftrag. Das gilt auch für den Hillebachsee; und die Stadt Winterberg hat kein Problem damit, dass die Zeitung bei einer Probenentnahme dabei sein möchte.

„Zum ersten Mal in der Geschichte des Sees haben wir hier die Blaualgen in nennenswerten und auffälligen Mengen festgestellt. Das sind spezielle Bakterien, die mit Hilfe von Nährstoffen und Licht im Wasser sehr rasant wachsen können“, sagt der staatlich geprüfte Chemo-Techniker. Cyanobakterien haben in diesen Mengen normalerweise im See nichts zu suchen. Dass es hier Grün- oder Goldalgen gibt, das sei in Ordnung. Auch die Pflanzenteppiche, die hier und da aus der Wasseroberfläche lugen, seien nicht gefährlich. Die würden im Herbst „geerntet“ und gebändigt, damit sie sich nicht später um die Beine eines Badegastes schlingen.

Die großen Probleme sind in diesem Fall viel, viel kleiner. Mit einem Eimer schöpft Jürgen Hijzelendoorn etwa zehn Liter Hillebachwasser aus dem See durch ein sehr feinporiges Sieb, das „Seston-Netz“. In diesem Moment schwinden manche persönlichen Illusionen in Sachen Baden in einem See. Neben Flöhen und Schwebeteilchen bleibt in dem Sieb eine ansehnliche Menge Grünzeug hängen, die sich nach Abtropfen des Wassers nahezu geleeartig verdichtet. „Das sind sie, die Cyanobakterien.“

Momentan sind die Algen und Bakterien offenbar noch in der Wachstumsphase. Richtig unangenehm werden sie erst dann, wenn sie wieder absterben. „Sie setzen dann Gifte frei, die Allergien und Hautrötungen hervorrufen können. Diese Toxine genau zu bestimmen, das ist sehr aufwändig. Wir beobachten zurzeit, wie sich der Chlorophyll- bzw. der Phaeophytingehalt entwickelt. Daher wissen wir, dass die Algen noch wachsen.“

Warum die Cyanobakterien ausgerechnet in einem kühlen Sommer so eifrig blühen, hängt offenbar von vielen Faktoren ab. „Das Ganze ist in erster Linie eine Frage von Nährstoffgehalt und Lichtintensität. Die Nährstoffe können z.B. aus Düngung oder Viehhaltung in der Landwirtschaft stammen, die wir ja auch hier an den Zuläufen haben. Sie können jetzt eingeschwemmt sein, aber auch schon im Frühjahr und haben sich abgelagert. Sie können auch aus natürlichen Abbauprozessen anderer Pflanzen im See entstehen“, sagt der Fachmann. Aber auch Schwärme von Wasservögeln bzw. deren Exkremente können dafür sorgen, dass der Nährstoffgehalt ansteigt.“

Die Badesaison 2012 am Hillebachsee scheint damit vorbei zu sein. Jürgen Hijzelendoorn: „Der Sommer ist weit fortgeschritten, die Tendenz geht zu weiterem Algenwachstum, das kann noch locker vier Wochen andauern.“ Neben dem Probenröhrchen aus dem Netz hat der 58-Jährige auch noch einen Becher Wasser in eine lichtsichere Flasche gefüllt. Noch am selben Tag werden die Mitarbeiter in Gelsenkirchen die Proben untersuchen. Die Ergebnisse gehen dann sowohl zur Stadt als auch zum Gesundheitsamt. Alle zwei Wochen wird erneut geprobt.

Das Algen-Wachstum aufhalten oder chemisch unterbinden – das geht übrigens nicht. „Das ist naturbedingt. In der Regel reguliert sich das Ganze über das ökologische Gleichgewicht. Vielleicht gibt es nächstes Jahr ganz andere Algen. Wenn es jetzt kühl, trüb und regnerisch würde, ließe das Wachstum sicherlich nach.“ Aber wer will schon so ein Wetter haben?