Stören Windräder das Urlaubsfeeling?

Auch wenn es noch so idyllisch aussieht, bleibt die Frage: Vertragen sich alternative Energien und Tourismus.
Auch wenn es noch so idyllisch aussieht, bleibt die Frage: Vertragen sich alternative Energien und Tourismus.
Foto: dpa
  • Eine Frage, die emotional diskutiert wird
  • Anlagen sind auf jeden Fall landschaftsprägend
  • Nur eine aktuelle Übergangstechnologie?

Marsberg/Bad Arolsen.  Windkraftanlagen verprellen Touristen. Dieser Meinung ist nicht nur Hotelinvestor Helmut Fiz aus Bad Arolsen. Deshalb hat er (wie berichtet) Anfang des Jahres das Projekt Ferienanlage auf Gut Wieringsen (ehemaligen Musterhof) bei Marsberg erst einmal auf Eis gelegt. Weil Windkraftanlagen an der nahen Landesgrenze auf hessischer Seite wie Pilze aus dem Boden gewachsen sind und auch im Stadtgebiet von Marsberg noch einige zu erwarten sind.

Verprellen oder vertragen?

Verprellen Windkraftanlagen Touristen? Dieser Frage gingen gut 70 Gäste in der Veranstaltung des Landesprogramms „Bürgerforum Energieland Hessen“ (BFEH) im Bürgerhaus in Bad Arolsen nach. Akteure aus Kommunal- und Landespolitik, Experten aus der Wissenschaft sowie Vertreter der Tourismusbranche, von Naturparks und der Energiewirtschaft tauschten sich im Anschluss an Vorträge und Workshops aus. Während Bürgermeister Thomas Thomas Trachte aus Willingen den Tourismus im Planungsprozess des Landes Hessen gänzlich vermisst, sagte sein Bürgermeisterkollege Jan Lembach aus der kleinen Eifel-Gemeinde Dahlem: „Windkraft und Tourismus vertragen sich bei uns (noch).“

Aktuelle Studien

Prof. Heinz-Dieter Quack, Tourismusforscher an der Ostfalia Hochschule Braunschweig/Wolfenbüttel, kennt nach eigenen Worten kein anderes Thema, das so emotional diskutiert wird. Weil es eine emotionale Entscheidung ist, wohin es im Urlaub gehen soll. Er hat aktuelle Studien aus Europa und den USA verglichen und eigene angestellt. Sein Fazit: Windenergieanlagen (WEA) sind in jedem Fall landschaftsbildprägend. Die Annahme, dass WEA von vornherein negative Auswirkungen auf den Tourismus haben, ist aus tourismuswissenschaftlicher Sicht nicht haltbar. Es kommt auf die Region an und es kommt auf die Perspektive an. Prof. Quack: „Die Errichtung neuer WEA erfordert eine hohe Sensibilität bei der Abwägung ökonomischer, naturschutzrechtlicher, landschaftsästhetischer und touristischer Belange.“ Er riet ausdrücklich, auf die Region bezogene Studien und Befragungen vorzunehmen, um sich ein individuelles Bild zu verschaffen.

Erfahrungsbericht 1

Im Naturpark Eifel am Randes des Nationalparks mit 160 Windkraftanlagen in NRW haben sich laut Bürgermeister Lembach (ehemaliger Geschäftsführer Naturpark Nordeifel) die Besucherzahlen seit 2007 verdoppelt. Einer Befragung der Gemeinde unter 1300 Personen zufolge würden sechs Prozent nicht wiederkommen, wenn mehr Windkraftanlagen gebaut würden. Damit könne die Region gut leben, so Lembach.

Für ihn ist die Windkraft eine aktuelle Übergangstechnologie zur nachhaltigen, ungefährlichen und rückbaubaren Energieerzeugung. Er schränkt ein: „Es gibt sicher Regionen, in denen weitere Windkraftanlagen aus touristischer Sicht nicht vertretbar sind.“

Erfahrungsbericht 2

Natur und Landschaft sind die wichtigsten Faktoren, warum die Urlauber in die Tourismusregion Waldeck-Frankenberg kommen, hat Klaus-Dieter Brandstetter (Geschäftsführer der Touristik Service Weldeck-Ederbergland GmbH) aus mehreren Studien herausgelesen. Danach würden gut 15 Prozent der überwiegend wegen der Landschaft als Wanderer oder Radfahrer in die Region reisende Touristen nicht wiederkommen. Je älter die Gäste seien, um so mehr fühlten sie sich durch die Windkraftanlagen gestört. Seine Forderung: „In touristisch geprägten Regionen muss der Tourismus in das Abwägungsverfahren ähnlich wie der Naturschutz integriert werden.“

Planungspraxis

Ausschlusskriterium bei der Regionalplanung ist der Tourismus nach den Worten von Prof. Dr. Anja Hentschel nicht. Sie lehrt öffentliches Recht mit Schwerpunkt Energierecht an den Unis Luzern und Kassel. Dennoch würden touristische Belange in der Praxis berücksichtigt, wenn auch indirekt: Indem großräumig Flächen aus Naturschutzgründen oder beispielsweise ein Denkmal geschützt werden, komme das letztlich auch dem Tourismus zugute.

Dazu drei Fragen an Professor Heinz-Dieter Quack, Tourismusforscher an der Ostfalia Hochschule Braunschweig/Wolfenbüttel:

Die Energiewende wird von der Bevölkerung mehrheitlich befürwortet, vor der eigenen Haustür möchte sie jedoch niemand haben und in touristischen Regionen werden Windräder als störend wahrgenommen. Wie viele Besucher bleiben aufgrund von Windparks tatsächlich weg? Hierzu gib es keine klare Befundlage. Aus manchen Befragungen geht hervor, dass ein bis zwei Prozent der Touristen tatsächlich entschlossen sind, eine bestimmte Region wegen der Windräder zu meiden. Nach anderen Erhebungen sind es 10 bis 15 Prozent. Grundsätzlich empfinden jüngere Menschen Windräder als weniger störend als ältere. Das gilt unabhängig von der Nationalität.

Spielt die Masse der Anlagen eine Rolle? Windkraftanlagen werden eher akzeptiert, so lange es den freien Blick noch gibt. Wenn also auf einer Seite Windräder stehen, sollte die Landschaft auf der anderen Seite unberührt sein.

Kann man Windenergieanlagen touristisch vermarkten? Da wäre etwa der Windenergieerlebnispark auf Lanzarote zu nennen, der sehr bekannt ist und als ergänzendes Freizeitangebot wahrgenommen wird. Der Soonwaldsteig im Nahwald ist ein anderes Beispiel. Den Weg gab es schon, später kamen Windräder hinzu. Befragungen vor Ort haben gezeigt, dass deren Akzeptanz bei den Besuchern zugenommen hat. Eine touristische Vermarktung im Sinne eines reiseanlassschaffenden Hauptmotivs ist sehr schwierig.

 
 

EURE FAVORITEN