Pflege in der Familie: Verantwortung verteilen

Ramona Kesper (l.) zeigt mit Hilfe ihrer Kollegin Stefanie Kleine, wie man einem Patientem aus dem Bett hilft.
Ramona Kesper (l.) zeigt mit Hilfe ihrer Kollegin Stefanie Kleine, wie man einem Patientem aus dem Bett hilft.
Foto: WP

Brilon..  Ein Schlaganfall, ein Herzinfarkt, ein Oberschenkelhalsbruch – von jetzt auf gleich kann ein Angehöriger pflegebedürftig werden. Viele Familien stehen damit unvorbereitet vor großen Herausforderungen. Sie müssen handeln. Die Zahl derer, die ihrem Vater oder ihrer Mutter zu Hause wieder auf die Beine helfen und ihnen möglichst lange ein Leben in vertrauter Umgebung ermöglichen wollen, steigt.

Doch wie soll das organisiert werden? „Pflege innerhalb der Familie“ heißt das Zauberwort, bei dem den Krankenhäusern eine immer größere Bedeutung zukommt.

Stefanie Kleine und Ramona Kesper sind examinierte Krankenschwestern und Pflegetrainerinnen. Im Schulungsraum des Briloner Maria-Hilf-Krankenhauses haben sie alles für den Kursus vorbereitet. Gleich kommen vier Frauen, die sich für den kostenlosen Lehrgang angemeldet haben. Drei Blöcke mit vier Unterrichtseinheiten in Theorie und Praxis wird es geben. „Das Ganze ist ein Pilotprojekt der AOK. Die Uni Bielefeld hat unseren Pflegedienstleiter angesprochen, ob wir nicht mitmachen wollten. Wir haben uns wissenschaftlich weitergebildet und 2010 den ersten Kurs angeboten“, erklären die beiden.

Hilfestellung geben

Wie kann ein Angehöriger zu Hause richtig gelagert und bewegt werden? Wie bekommt man ihn aus dem Bett, ohne dass man sich selbst den Rücken verknackst? Wie leistet man richtige Hilfestellung beim Essen, beim Trinken, beim An- und Ausziehen, bei der Körperhygiene? All das sind Fragen, auf die die beiden Pflegetrainerinnen bei Bedarf schon im Krankenhaus Antwort geben. „Bei Nachfrage machen wir gemeinsam mit den Angehörigen die ersten Übungen schon am Krankenbett. Außerdem gibt es noch das aufsuchende Pflegetraining. Bis zu sechs Wochen nach dem stationären Aufenthalt können wir den Leuten zu Hause Hilfestellung geben und einige Kniffe zeigen“, sagt Ramona Kesper.

Einen ganz wichtigen Kursinhalt nennt ihre Kollegin Stefanie Kleine: „Wer einen Angehörigen pflegt, lässt sich auf einen 24-Stunden-Job ein. Wir sagen den Leuten ganz klar, was auf sie zukommt. Wir sagen ihnen aber auch, dass es ganz wichtig ist, die Verantwortung auf mehrere Schultern zu verlagern. Es muss ein Netzwerk aus Familie und/oder Freunden aufgebaut werden.“

Oftmals haben pflegende Angehörige Scheuklappen auf und sehen gar keine Möglichkeiten, sich selbst einmal eine Auszeit zu gönnen. Kleine: „Wir wollen ihnen zeigen, wie sie ihr eigenes Leben mit Abstrichen lebenswert fortführen und zeitgleich für ihren Angehörigen da sein können.“

Als die vier Damen in Brilon zum Kursstart kommen, möchten sie ungern, dass der Herr von der Presse dabeibleibt. „Vieles ist sehr persönlich und wir brauchen eine vertrauensvolle Atmosphäre“, sagen die beiden Kursleiterinnen. Später auf Nachfrage verraten sie soviel, dass fast alle Teilnehmerinnen – Pflege scheint nach wie vor zum Großteil Frauensache zu sein – den Kursus aus reiner Vorsorge besuchen. „Es könnte ja mal sein, dass jemandem zu Hause etwas passiert…“ lautet die Motivation. Ramona Kesper: „Es ist generell so, dass viele Angehörige eine solche pflegende Aufgabe auf sich zukommen sehen. Sie wollen sich durch Routine und etwas Sicherheit ein wenig Angst nehmen.“

Die AOK verspricht sich von dem Projekt nicht nur eine höhere Lebensqualität für Patienten und Angehörige, sondern auch einen Rückgang der stationären Wiederaufnahmen. Das Angebot ist übrigens kostenlos. Auch Fremdversicherte können teilnehmen, sofern sie Mitglied der gesetzlichen Pflegeversicherung sind. Langfristig ist auch ein Gesprächskreis für pflegende Angehörige denkbar.

 
 

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