Nur Mut, auch wenn die Wörter nicht raus wollen!

Wer stottert, sollte nicht den Mund halten, sondern ganz offensiv mit dem Handicap umgehen.
Wer stottert, sollte nicht den Mund halten, sondern ganz offensiv mit dem Handicap umgehen.
Foto: wp
  • 800.000 Menschen in Deutschland sind davon betroffen
  • Fünf Prozent aller Kinder durchleben eine Stotter-Phase
  • Selbsthilfegruppe für den HSK trifft sich regelmäßig in Bestwig

Bigge/Ostwig..  Heute ist Welttag des Stotterns. 800 000 Menschen, so weiß die Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe (BVSS), haben Probleme mit dem Redefluss. Sie wiederholen oder dehnen einzelne Buchstaben, Silben oder Wörter und haben vielfach Scheu, sich zu ihrer Sprechbehinderung zu bekennen. Dabei ist Stottern ein körperliches Handicap und keine psychische Störung.

Susanne Struck stottert. Davon merkt man im Gespräch mit ihr überhaupt nichts. Die 51-jährige Hauswirtschafterin, die aus Ostwig kommt und im Erikaneum in Bigge arbeitet, ist seit über 20 Jahren Vorsitzende der Selbsthilfegruppe für Stotterer im Hochsauerlandkreis. Vor langer Zeit hatte sie einen Zeitungsartikel über Stotterer gelesen – und in der Schublade versteckt. „Ich wollte das irgendwie nicht wahrhaben und habe es verdrängt. Aber gut ging es mir dabei nicht.“

Im Kindergartenalter fällt ihr auf, dass manche Wörter nicht so einfach über die Lippen purzeln wollen. Und die Hänselei der Gleichaltrigen nimmt ihren Lauf. „Kinder können ganz schön grausam sein“, sagt Susanne Struck. Aber schon früh akzeptiert sie ihr Handicap und wird selbst aktiv. „Als ich damals zur Berufsschule gewechselt bin, habe ich mich vor die Klasse gestellt und gesagt: Nur, dass ihr es wisst: Ich stottere. Und auch heute noch gehe ich offen damit um.“ Die Gewissheit, dass ihr Gegenüber vorgewarnt ist, gibt der 51-Jährigen so viel Sicherheit, dass der Gesprächspartner in der Regel keinerlei Sprachbeeinträchtigung feststellen wird.

Eigentlich wollte Susanne Struck beruflich „irgendwas mit Kindern“ machen. Aber durch ihre Sprechbehinderung hat sich dieser Wunsch zerschlagen. Dabei müssen Einschränkungen bei der Berufswahl und Benachteiligungen im Arbeitsleben überhaupt nicht sein. „Es gibt Disponenten im Logistikunternehmen, Oberärzte oder Mitarbeiter bei der Bahn-Auskunft – sie alle stottern und kommen gut klar“, weiß Ulrike Genglawski vom BVSS. Die Schere im Kopf müsse daher weg. „Dass ein Mensch stottert, sagt nichts über seine Eignung für einen bestimmten Beruf aus“, betont Prof. Dr. Martin Sommer. Er ist Vorsitzender des BVSS, stottert selbst seit seiner Kindheit und ist geschäftsführender Oberarzt an der Göttinger Uniklinik.

„Woher das Stottern kommt, weiß niemand so genau. Es kann eine Schrecksekunde gewesen sein, in der es ausgelöst wurde. Man bekommt es auch nie ganz weg“, erklärt Susanne Struck. Ihr persönlich war und ist die Selbsthilfegruppe, die es schon seit 1988 gibt, eine große Stütze. „Wir treffen uns an jedem dritten Samstag im Monat um 14.30 Uhr im Bergkloster Bestwig. Zurzeit sind wir neun Leute – zwei Frauen und sieben Männer – die aus Meschede, Olpe, Lippstadt oder Winterberg kommen“, sagt die 51-Jährige.

Sicherheit gewinnen

Bei den Treffen stehen Sprachspiele, Lese-Übungen und Sprechtraining auf dem Programm. Das ist wichtig, zumal jedes Stottern anders ist.“ Dabei geht es aber oft gar nicht um das Training von Lippen oder Zunge, sondern viel mehr um eine innere Sicherheit. Mehrmals im Jahr besucht die Ostwigerin Fortbildungen und macht selbst immer wieder Seminare, um an sich und ihrem Handicap zu arbeiten und um anderen helfen zu können.

Die Hemmschwelle, das erste Mal eine Selbsthilfegruppe zu besuchen, ist die größte Hürde, die der Stotterer nehmen muss. „Danach geht es einfacher weiter. Der oder die Betroffene ist unter Gleichgesinnten, wir lassen ihm viel Zeit, bis er sich selbst ausdrücken kann und wir helfen, wo wir können“, verspricht Susanne Struck. Im Alltag sollten Menschen zwei, drei Dinge beachten: „Jemand, der sich mit einem Stotterer unterhält, guckt oft weg. Das verunsichert den anderen, der dann wiederum glaubt: der will mit mir nichts zu tun haben. Und: Auch wenn es noch so lange dauert, bis die Worte raus sind. Man sollte einem Stotterer die Sätze nicht vervollständigen.“

Stotterer sind übrigens ausgesprochen erfindungsreich. „Schon beim Lesen merken wir, wenn sich Wörter anbahnen, an denen wir hängenbleiben könnten. Dann wird kurzerhand ein Synonym eingesetzt, das einfach zu sprechen ist. Ich musste mal als Lektorin in der Kirche die Passion vorlesen. Sie glauben gar nicht, wie oft ich da improvisiert habe. Aber das hat selbst der Pfarrer nicht gemerkt.“

Was ist die Ursache des Stotterns?
Stottern entsteht durch eine Störung im Sprechablauf, eine Fehlfunktion in der Zusammenarbeit der linken und rechten Gehirnhälfte, die wahrscheinlich genetisch bedingt ist. Die meisten stotternden Menschen haben daher vermutlich eine Veranlagung. Stottern entsteht in einer Zeit, in der sich das Kind körperlich, geistig, emotional und sprachlich am schnellsten entwickelt.


Wird Stottern vererbt?
Stotternde Menschen haben im Vergleich zu nicht stotternden etwa dreimal häufiger Verwandte, die ebenfalls stottern. Stotternde Frauen haben häufiger stotternde Kinder als stotternde Männer. Stottern wird jedoch nicht direkt vererbt, sondern vermutlich wird nur eine Veranlagung weitergegeben.


In welchem Alter beginnt Stottern und wie viele Menschen sind betroffen?
Fünf Prozent aller Kinder durchleben, bedingt durch Veranlagung, in ihrer Sprachentwicklung eine Phase, in der sie stottern. Der Beginn liegt meist zwischen dem zweiten und sechsten Lebensjahr. Bei 75 bis 80 Prozent dieser Kinder legt sich das Stottern wieder von selbst. Da sich jedoch nicht sagen lässt, welches Kind das Stottern wieder verliert, empfiehlt sich in jedem Fall eine frühzeitige Diagnostik.


Beruht Stottern auf psychischen Problemen?
Nein, stotternde Kinder und ihre Eltern unterscheiden sich in ihrer Persönlichkeit und ihrem Umgang miteinander nicht von der übrigen Bevölkerung. Es gibt keine typische „Stotterer“-Persönlichkeit und keine typischen „Stotterer“-Familien.


Wer behandelt Stottern und welches Angebot ist seriös?
In Deutschland behandeln vor allem Logopäden und Sprachheilpädagogen stotternde Menschen, aber auch Sprachtherapeuten sowie Atem-, Stimm- und Sprechlehrer.

Infos: www.stotterer-shg-meschede.de oder Tel.: 02904 2376

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