Körperwärme und Hilfe bei den Geschäften

Heike Grebe und ihr Känguru Mary.
Heike Grebe und ihr Känguru Mary.
Foto: WP
In Deifeld zieht Heike Grebe ein Wallaby-Känguru groß. Mary ist gerade mal fünf Monate alt und wiegt 1100 Gramm. Das Tier ist Waisenkind, nachdem seine Mutter verstorben ist und die Deifelderin berichtet einmal wöchentlich im Tagebuch „Beutelgeflüster“ über ihren Alltag mit Mary.

Schlafentzug und die ständige Angst, etwas falsch zu machen – so fühlt es sich also an Mutter zu sein. Plötzlich richtet sich der Tagesablauf nur noch nach Fütterungszeiten. Vier- bis sechsmal am Tag bekommt Mary das Fläschchen mit extra importiertem Aufzucht-Milchpulver für Kängurus.


Dazwischen: Körperwärme, Streicheleinheiten, beim kleinen und großen Geschäft helfen, Spaziergänge draußen, um die Kleine an die natürlichen Geräusche zu gewöhnen und natürlich um zu üben, Gras, Knospen und Blätter selbst zu zupfen.


Normalerweise würde Mary sich dies alles aus dem sicheren Beutel der Mutter heraus anschauen und nachmachen, aber jetzt bin ich ihre Mutter und muss ihr dieses Lernen in einem sicheren Umfeld ermöglichen. Eine Riesen-Aufgabe! Dass es so tagesfüllend wird, hätte ich nicht gedacht, als ich ohne zu überlegen zugesagt habe, die Kleine aufzunehmen. Aber ich hätte auch nicht gedacht, dass es so schön wird.


Mary ist ein so liebevolles, aufmerksames Wesen, man muss sich einfach direkt in sie verlieben. Ich fange an, sie mit menschlichen Attributen zu versehen, sie zu behandeln als wäre sie mein eigenes Kind. Wie denn auch nicht? Mary begleitet mich 24 Stunden des Tages und ich entdecke so viele Parallelen zu menschlichen Kindern.


Nachts hängt sie in einem Babyschlafsack von der Schlafzimmerdecke und baumelt neben mir auf dem Kopfkissen. Zum Einschlafen lege ich den Arm um sie und positioniere meinen Kopf ganz nah. So spürt sie, dass sie nicht allein ist. Das gibt nicht nur ihr ein gutes Gefühl, auch mich beruhigt es…bis sie austritt. Kängurus zucken im Schlaf und treten mit ihren kräftigen Hinterbeinen ordentlich zu. In den ersten Nächten schrecke ich bei jedem Zucken aus dem Schlaf hoch. Ich bin völlig übermüdet. Mittlerweile umarme ich sie nur noch zum Einschlafen, und drehe mich dann weg, außer Reichweite ihrer langen Beine. Nachts füttere ich sieben Stunden lang nicht mehr, endlich Schlaf. Eine ausgeruhte Mutter macht schließlich auch ein ausgeruhtes Kind. Oder?


Nach einer Woche haben wir so etwas wie eine Routine entwickelt. Ich kann sogar wieder arbeiten…bis das Telefon klingelt. Noch ein Muttertier ist tot, noch ein kleines Wallaby in Not. Sofort bereite ich mich auf die Ankunft vor. Der kleine Kurt zittert am ganzen Körper, starrt traumatisiert vor sich hin. Stundenlang hatte er den Beutel seiner Mutter gesucht. Er muss dringend trinken und braucht viel Wärme und Zuneigung. Plötzlich sind da zwei pflegebedürftige kleine Wesen.


Einer schreit, der andere schreit mit. Zwei Hände sind einfach zu wenig. Ich bin restlos überfordert. Wie schaffen Mütter von Zwillingen das?
Nach drei Tagen kapituliere ich, es ist einfach nicht machbar. Schweren Herzens bringen wir Kurt zu einer sehr erfahrenen Pflegemutter, bevor er sich zu sehr an mich gewöhnt. Känguru-Babys brauchen eine feste Bezugsperson, eine Mama, die immer da ist. Die Bindung zwischen Mary und mir ist nach zwei Wochen schon unheimlich eng. Wie soll ich sie nur jemals wieder hergeben?


In den nächsten Wochen werde ich sie nach und nach auf ihr Leben in einem Gehege draußen vorbereiten müssen. Von der Expertin habe ich einige Tipps bekommen und eines ist klar: Es warten viele spannende Aufgaben auf uns…


Heike Grebe

 
 

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