Jeder hat seinen Platz im Leben – es kann der falsche sein

Bei der Familienaufstellung durchleben Stellvertreter die Gefühle von anderen.
Bei der Familienaufstellung durchleben Stellvertreter die Gefühle von anderen.
Foto: WP
Die Familienaufstellung kann dabei helfen, zwischenmenschliche Konflikte anzusprechen, sie offenzulegen und dem Betroffenen einen Blick von außen auf seine persönliche Situation zu ermögichen.

Züschen. Erklär mal jemandem, wie Torte schmeckt, der noch nie ein Stück gegessen hat. Oder finde Worte für Gefühle, die sich mit dem Kopf nur schwer erklären lassen. Vor diesem Problem stehe ich am Anfang dieses Textes. Die „Ich“-Form zu wählen, ist eigentlich nicht mein Ding. Aber nur aus der eigenen Erfahrung heraus, kann vielleicht der Versuch funktionieren, eine „Familienaufstellung“ zumindest zu beschreiben. „Humbug“, „fauler Zauber“, „Einbildung“, „gefährlicher Psychokram“ werden vielleicht einige sagen. Aber an das Funktionieren eines Radios glauben wir ja auch, ohne zu sehen, wie die Ultrakurzwellen die Musik ins Wohnzimmer senden. Und zumindest habe ich die Torte mal probiert...

Vertrauen ist wichtig

Ein Mittwochnachmittag im Haus des Gastes: 13 Frauen, drei Männer und die beiden Fachfrauen sitzen auf Stühlen im Halbkreis. Rosa Lange ist Ärztin und praktiziert in Züschen. Sie ist Allgemeinmedizinerin, aber offen für alternative Heilmethoden. Für die systemische Familienaufstellung nach Bert Hellinger hat sie eine mehrjährige Fortbildung gemacht. „Dabei liegt die Idee zugrunde, dass alle Mitglieder einer Familie durch emotionale Bande miteinander verknüpft sind. Jede Familie hat eine Seele. Ist dieses Geflecht gestört – zum Beispiel durch Schicksalsschläge oder Streit – kann das zu psychischen Problemen oder körperlichen Krankheiten führen“, erklärt sie. Neben ihr sitzt Brigitte Vogt. Sie hat in Züschen eine Praxis für Naturheilverfahren und Lerntherapie. Auch sie hat die Fortbildung zur Familienaufstellung gemacht. Seit nunmehr 15 Jahren bieten die beiden diese Form der Lebenshilfe über den Verkehrsverein an.

Eine Frau hat zwischen Rosa Lange und Brigitte Vogt Platz genommen. Nennen wir sie Monika. Sie erzählt von sich und ihrer Familie, von ihrer gescheiterten Ehe. Wie alt sind ihre Eltern geworden, hat sie Geschwister, gab es Fehlgeburten? Gab es einschneidende Erlebnisse? Wie ist die Beziehung zum Ex-Mann, zu den Kindern? Alle hören gespannt zu. Es gilt das „Du“. Was hier besprochen wird, darf den Raum nicht verlassen. Daher muss auch ich in diesem Beitrag einiges verfremden, um dieses Vertrauen nicht zu missbrauchen. Von den heute 16 Teilnehmern haben sich zwei angemeldet, die ihre Familie aufstellen wollen. Die anderen sind bereit, sich stellvertretend für die engsten Angehörigen in dem Raum positionieren zu lassen.

Wir sind nicht nur Teilnehmer, wir sind Teilhaber, denn eigentlich durchleben wir im Laufe dieses Nachmittags viele Situationen, die wir so oder ähnlich schon einmal kennen- oder fühlen gelernt haben.

Monikas Blick hangelt sich von Stuhl zu Stuhl. Zunächst muss sie jemanden ausgucken, der für sie selbst in die Kreismitte geht. Denn Monika soll sich das Formieren der Personen als Außenstehende angucken und quasi einen Blick von oben auf ihre eigene Familienkonstellation bekommen. Wen von uns wählt sie für wen aus? Der Herr mit der Brille wird ihr Ex. Die zierliche Frau mit den schwarzen Haaren wird ihre Tochter. „Würdest Du mich spielen?“, fragt sie ganz zaghaft eine brünette Mitt-Vierzigerin. „Wir sprechen nicht von spielen, denn es geht nicht um ein Rollenspiel, sondern um einen Stellvertreter“, klärt Brigitte Vogt auf. Ich vertrete den minderjährigen Sohn. Und noch eine Person steht neben der Tochter. Sie übernimmt den Part von schweren Schlafstörungen und Panik-Attacken, die die junge Frau seit langer Zeit quälen. Eine personifizierte Krankheit.

Sich fallen lassen

Monika legt nacheinander von hinten die Hände auf die Schultern ihrer Familienmitglieder, die sich von ihr blindlings durch den Raum manövrieren lassen. Der Vater steht etwa zwei Meter abgewandt von seiner Tochter entfernt. Die Krankheit hat sich ganz eng an die Tochter geschmiegt. Man hat das perfide Gefühl: Sie gehören zusammen, sie verstehen sich. Jeder von uns horcht in sich hinein, wie er sich auf der Position fühlt, auf die er gestellt wurde. Mir ist unwohl; ich weiß aber nicht, ob das mein persönliches Unwohlsein ist, weil ich hier mit wildfremden Leuten durch einen Raum geschoben werde. Oder ob es mir als minderjähriger Sohn in meiner Haut an meinem Standort nicht gut geht.

Mehr und mehr bekomme ich aber das Gefühl, mich und meine Ich-Ebene ausgeblendet zu haben, ferngesteuert zu sein. Die Nähe zu „meiner Mutter“ ist mir unangenehm. „Ihr dürft euch selbst frei im Raum bewegen und euch so stellen, wie ihr meint, dass es für euch gut und richtig ist“, erklärt Brigitte Vogt. Und in der Tat kommt das Familienkarussell noch einmal ins Rotieren. Laut Hellinger entsteht die „Stellvertreterwahrnehmung“ durch das „wissende Feld“. Demnach soll jeder Stellvertreter durch seine Position eine Art Zugang zu den Gedanken und Gefühlen des Familienmitglieds bekommen. Immer in Bezug auf das aktuelle Problem, das er repräsentiert. Aber unabhängig davon, ob das Familienmitglied noch lebt oder bereits vor langer Zeit verstorben ist.

Der Vater will näher an die Tochter – die weicht aus. Trotz zweier Schritte zur Seite rückt mir „meine Mutter“ erneut sehr eng auf die Pelle. Mir wird plötzlich ganz warm. Unerträglich warm. Zwischen allen Beteiligten glaube ich, eine Wand aus Energie zu spüren. Meine Knie zittern und ich kann mich nur schwer auf den Beinen halten. Schwitzen kenne ich eigentlich nur von grippalem Fieber, aber meine Handflächen sind pitschnass. Meiner „Schwester“ geht es noch viel schlechter. Sie hat einen hochroten Kopf; sie zittert, ihre Augen werden immer größer, sie weint, schluchzt, ihre Krankheit nimmt sie in den Arm. Die Situation ist irgendwie grotesk, objektiv betrachtet surreal, aber individuell spürbar. Auch Mutter und Ex sind angespannt.

Rosa Lange und Brigitte Vogt greifen in das Geschehen ein. Sie wollen nun wissen, warum die Tochter kaum noch zu beruhigen ist, warum sie dem Blick des Vaters ausweicht, wie es der Mutter und dem Sohn geht. Ich kann förmlich mit den Händen spüren, dass hier etwas vorgefallen sein muss, das das Verhältnis der beiden massiv belastet. Es fallen viele vorwurfsvolle, aber auch versöhnliche Worte. Die Situation entspannt sich. Ganz zum Schluss hat jeder eine Position eingenommen, auf der er sich deutlich wohler fühlt. Dieses Bild soll die „echte“ Mutter vor ihrem geistigen Auge abspeichern und mit in den Alltag nehmen.

Jeder Stellvertreter soll vor dem Hinsetzen laut seinen eigenen Namen sagen. „Thomas, Thomas!“ Ich brauche lange, um wieder ich zu sein.

 
 

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