Im berüchtigten See im Berg darf wieder getaucht werden

Auch in großer Tiefe ist es noch recht hell im „See im Berg“. Das gibt eine trügerische Sicherheit
Auch in großer Tiefe ist es noch recht hell im „See im Berg“. Das gibt eine trügerische Sicherheit
Foto: Messinghausen
Menschen starben in den Wassertiefen in Messinghausen, der See im Sauerland bekam den Ruf des Todessees. Nun darf dort wieder getaucht werden.

Brilon.. Andreas Sanow, ein Mann mit freundlichem Gesicht, ist der Ortsvorsteher von Messinghausen. Er kann sich gut an die Zeit erinnern, als der Steinbruch noch in Betrieb war. Sein Elternhaus steht nur 300 Meter entfernt von dem tiefen Loch, das die Arbeiter mit Dynamit in den Berg gesprengt haben. „Von unserem Garten aus haben wir früher die Steine fliegen gesehen“, sagt Sanow. Das ist jetzt mehr als 30 Jahre her. Der Steinbruch ist Geschichte. 1984 haben die Männer die letzte Stange Dynamit gezündet. Dann sind sie den Berg heruntergefahren und nicht mehr wiedergekommen. Das Loch blieb. Und mit den Jahren lief es voll mit Wasser.

Stehen Besucher oben auf dem Berg und blicken aufs Wasser hinunter, ist es, als schauten sie in den Krater eines Vulkans. Nur, dass im Innern keine Lava brodelt – sondern tiefblaues Wasser in der Sonne glitzert. Unter der Oberfläche geht es steil in die Tiefe. Taucher schweben dort durch eine schroff-bizarre Landschaft aus Stein und Geröll.

Die Leute in Messinghausen nennen das in 480 Meter Höhe gelegene Gewässer heute den „Steinbruchsee“, „den Blauen“ oder den „See im Berg“. Dieses mit Regenwasser gefüllte Loch ist einer der spektakulärsten Tauchplätze im Westen der Republik. Und es hat Messinghausen berühmt gemacht. Ein Ortsteil der Stadt Brilon mit knapp 800 Einwohnern. Ihre Häuser sind von Hügeln und Wald umgeben. Trecker fahren über die Landstraßen, Kühe grasen, das Flüsschen Hoppecke plätschert durchs Tal. An den Zufahrtsstraßen künden Schilder vom guten Abschneiden beim Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“.

Alles prima, könnte man meinen. Wenn da nur der See nicht wäre. In der Vergangenheit geriet das Gewässer wiederholt in die Schlagzeilen. Zeitungen tauften es den „Todessee im Sauerland“. Anlass war eine Serie tragischer Tauchunfälle, teils mit tödlichem Ausgang. „Wenn am Wochenende der Hubschrauber über Messinghausen kreiste, wussten wir: Da oben ist wieder was passiert“, sagt Hildegard Hillebrand. Lange Jahre war sie die Ortsvorsteherin von Messinghausen. Hilflos nahm sie die Unfälle zur Kenntnis. Sie schlug vor, Warnschilder am See aufzustellen. „Irgendetwas musste ja passieren.“

Neue Tiefgrenzen für Sporttaucher

Und es passierte etwas. Oliver Hecht, der Besitzer des ehemaligen Steinbruchs und verantwortlich für den Tauchbetrieb, zog 2009 die Reißleine. Nachdem es erneut einen tödlichen Tauchunfall gegeben hatte, setzte er sich an seinen Computer und schrieb einen offenen Brief, den er ins Internet stellte. Hecht beklagte das „sinkende Niveau der Sporttaucher“ und schrieb, er „finde es zum Kotzen“, dass er wegen der Blödheit einiger zum Regelmacher werden müsse. Er legte für Sporttaucher neue Tiefengrenzen fest, kündigte harte Kontrollen an – und drohte damit, nach dem nächsten tödlichen Unfall den See für Taucher zu sperren. Heute sagt Hecht, dass ihn das Verhalten der Taucher damals frustriert habe. Seine Sicherheitshinweise seien schlicht ignoriert worden. „Dann denkst du dir, lass die Leute tauchen. Und der Rest ist dir dann auch egal.“

So egal war es ihm dann aber wohl doch nicht. Denn seit 2012 blieb für „normale“ Taucher das Tor zum Gelände endgültig verschlossen. Nur noch speziell ausgebildete Club-Mitglieder durften ins Wasser. Hecht musste sich zwar den Vorwurf anhören, er habe damit einen „elitären Club“ geschaffen – doch dieser Schritt beendete die Unfallserie.

Wie viele Unfälle es zuvor gegeben hat, lässt sich nur noch schwerlich rekonstruieren. Die für den Hochsauerlandkreis zuständige Polizeibehörde verweist auf Löschfristen, die zunächst zum Verschwinden von Personendaten und anschließend der kompletten Vorgänge führen. „Selbst hier im Ort weiß man nicht genau, wie viele Unfälle es gegeben hat“, sagt Ex-Ortsvorsteherin Hildegard Hillebrand. Der frühere Betreiber Oliver Hecht spricht von sieben toten Tauchern und 300 Rettungseinsätzen zwischen 1996 und dem Beginn des Club-Betriebs. Im Zeitungsarchiv finden sich unter dem Schlagwort „Messinghausen“ Berichte über fünf Unfälle mit tödlichem Ausgang.

Im September 2001 starb ein 35-jähriger Taucher. Im Juli 2007 kam eine 40-jährige Frau ums Leben. Im September 2007 ein 41 Jahre alter Taucher. Im Februar 2009 wurde ein 43-jähriger Taucher von Rettern tot geborgen. Und der letzte Eintrag in der grausigen Liste stammt aus dem Jahr 2010, als im August eine 46-jährige Frau ums Leben kam. „Jeder Tote“, sagt die frühere Ortsvorsteherin, „ist einer zu viel.“

Jetzt gibt es am See einen neuen Chef: Der 43-jährige Matthias Schneider ist als Pächter eingestiegen. Und er hat die von Hecht über Jahre immer weiter hochgeschraubten Tauchregeln massiv gelockert. „Ich glaube, dass der größte Teil der Taucher vernünftig – und dem See gewachsen ist.“ 60 Minuten zuvor war er selbst noch mit einem Schüler im Wasser. Jetzt sitzt er in einer Hütte oberhalb des Sees. Im Kamin knackt das Feuerholz, aus seinem Bart perlt ein Tropfen Seewasser. Dann spricht er über die neuen Tauchregeln.

45 Meter runter in die Tiefe

Wer künftig bei Schneider im „See im Berg“ tauchen möchte, braucht einen Fortgeschrittenen-Tauchschein, mindestens 100 Kaltwassertauchgänge müssen im Logbuch des Tauchers stehen. . . Und er will darauf achten, dass Taucher nicht ihre Grenzen überschreiten. „Da werden wir knallharte Kontrolle machen.“

Zu den Unfällen sei es in der Vergangenheit schließlich nicht gekommen, weil der See an sich gefährlich sei. Jedem, der ins Wasser geht, müsse aber bewusst sein, dass theoretisch etwas passieren kann.

In Messinghausen geht es runter bis auf 45 Meter Tiefe. Wegen der meist ausgesprochen guten Sichtweiten ist es auch in großer Tiefe noch recht hell. Steilwände erleichtern die Orientierung. Das alles vermittelt ein trügerisches Gefühl von Sicherheit: Hält der Taucher seinen Computer nicht im Blick, vergisst er, wie tief er bereits ist – und das kann gefährlich werden.

 
 

EURE FAVORITEN