Hexenwahn

Das Foto zeigt einen Gedenkstein in Winterberg, der an die schreckliche Zeit der Hexenprozesse erinnert.
Das Foto zeigt einen Gedenkstein in Winterberg, der an die schreckliche Zeit der Hexenprozesse erinnert.
Foto: Ralf Hermann

Hallenberg.. Die Stadt Hallenberg möchte nachträglich - zumindest moralisch - den Menschen Recht widerfahren lassen, die in der frühen Neuzeit Opfer von Hexenprozessen geworden sind. Die Stadt Rüthen hat das bereits im Frühjahr getan. Hallenbergs Stadtarchivar Georg Glade nimmt dies zum Anlass, der Nuhnestadt einen entsprechenden Vorschlag zur Rehabilitierung der Opfer des Hexenwahns zu unterbreiten. Die Verwaltung steht voll hinter dieser Idee; der Stadtrat entscheidet darüber am morgigen Mittwoch (18.30 Uhr im Kump).

Leser historischer Romane kennen diese Geschichten zur Genüge. Doch wenn sich brutale Verhöre und menschenverachtende Folter vor der Haustür zugetragen haben, wird die Gänsehaut des Grauens noch größer. Allein in Europa, so weiß Georg Glade aus der Fachliteratur, sind zwischen 30 000 und 45 000 Menschen den Hexenverfolgungen zum Opfer gefallen. Im Herzogtum Westfalen, zu dem Hallenberg gehörte, wurden 1140 Personen angeklagt.

1591 fand der erste dieser Prozesse in Hallenberg statt. Das letzte Todesurteil erging wohl 1696; Verhandlungen gab es aber noch bis 1717. In diesen gut 100 Jahren waren allein in Hallenberg weit über 200 Menschen in Hexenverfahren involviert. Einzig 1628 wurde in dem kleinen Städtchen mit gerade mal rund 500 Einwohnern aus 110 Familien 20 Personen der Prozess gemacht. Mindestens 43 Menschen verloren auf grausamste Weise ihr Leben. Zahlen und Fakten, die Georg Glade akribisch zusammengetragen hat und die er dem Rat in der öffentlichen Sitzung vorlegen will.

„Werwolf und Zauberer“

Zur Sprache kommt dann vermutlich auch die Geschichte eines gewissen Henrich Stoffregen, der vor genau 383 Jahren in Hallenberg enthauptet und anschließend verbrannt wurde. Detailliert ist im Stadtarchiv das Schicksal jenes gänzlich unschuldigen Mannes nachzulesen:

Immer wieder werden aus der Viehherde eines David Heinemann Rinder gerissen. Und der hat dafür besagten Henrich Stoffregen in Verdacht. Die beiden treffen sich auf der Straße, es kommt zum Handgemenge, bei dem der Viehbesitzer seinem Kontrahenten droht, ihm mit einem Stein die Zähne einzuschlagen. „Da hat der Stoffregen ihn gebeten, das nicht zu tun; er wolle ihm auch keinen Schaden mehr zufügen“, heißt es in der Prozessakte. Und wie es der Zufall will: Von der Zeit an wird kein Rind mehr gerissen.

Schnell sind Zeugen zur Hand, die von ähnlichen Vorfällen und plötzlichen Krankheiten zu erzählen wissen, für die der Stoffregen verantwortlich sein soll.

Und noch viel schneller landet „der Zauberer und Werwolf Stoffregen“ im Kerker. Unter Folter gesteht der arme Mann, dass er die Zauberkunst erlernt habe, dass er beim Hexentanz gewesen sei und er denunziert weitere 15 Personen als Zauberer und Hexen. Auf Einzelheiten des Verhörs soll an dieser Stelle verzichtet werden. Henrich Stoffregen wird erst enthauptet, dann verbrannt. Vielen Frauen und Männern erging es ähnlich. Die Rechtsgrundlage der Hexenverfahren, so Glade, bildete die „Peinliche Halsgerichtsordnung“ Kaiser Karls V. von 1532, wonach Schadenszauber und Hexerei als Kriminalverbrechen zu verfolgen und mit dem Feuertod zu bestrafen waren.

Rechtsnachfolge

Die Prozesse fanden in Hallenberg statt. Glade: „Fraglich ist, ob die Stadt Hallenberg tatsächlich Rechtsnachfolgerin dieses Kurfürstlichen Schöffengerichts ist. Dennoch besteht eine moralisch-ethische Verantwortung.“

Die Hallenberger Opfer des Hexenwahns fanden ihr Ende auf einem öffentlichen Richtplatz; die Flurbezeichnung heißt heute noch „Galgenbüsche“ und liegt an der Straße in Richtung Somplar. Bis heute sind ihre Namen, ihre angeblichen Untaten und die gegen sie erlassenen Urteile in amtlichen Unterlagen verzeichnet. Eine Rehabilitation hat es nicht gegeben – bis heute?

 
 

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