Gemeinsame Verantwortung für gesunden Wald

Altkreis..  Fast jede große Fichte ist vom Rotwild angefressen bzw. fachmännisch ausgedrückt „geschält“, Wildspuren im Schnee, die in eine Fichtenschonung führen, in der bei unzähligen kleinen Setzlingen die Haupttriebe abgeknabbert sind. Dazu fast wie bestellt nur hundert Meter weiter ein Rudel Rotwild, das sich beim Rinde-Schälen nicht stören lässt, außerdem ein freilaufender Hund in einem Waldstück.

Live-Bilder bei einem Wald-Rundgang in Winterberg belegen eindrücklich die Ausführungen von Hans von der Goltz beim Pressegespräch des Regionalforstamtes Oberes Sauerland, in denen der Leiter des Forstamtes gestern neben weiteren Themen wie Waldpädagogik und forstliche Zusammenschlüsse auf die Probleme der Waldbesitzer aufmerksam machte.

Mittlerweile seien in vielen Revieren die Wildschäden durch die zu großen Rotwild-Bestände höher als die Pachteinnahmen. Denn in den geschälten Fichten setzen sich Schädlinge und Pilzsporen fest, die einerseits den Baum ökologisch schädigen und instabil machen und sich andererseits auch wirtschaftlich niederschlagen, weil aus Bauholz minderwertigeres Industrieholz wird, erläutert Revierleiter Yannick Hartmann bei der anschließenden Waldbegehung.

„Es gibt nicht einen einzigen Schuldigen im Konflikt zwischen Wald und Wild“, betont Hans von der Goltz. Das zentrale Problem liege in der Emotionalität des Themas und der oft mangelnden Gesprächsbereitschaft zwischen Waldbesitzern und Jägern aufgrund deren unterschiedlichen Interessen.

Rotwild durchkreuzt die Pläne gern

Klaus Quick aus Winterberg ist Waldbesitzer und Jäger. Er zeigt in seinem Wald eine große Kyrillfläche, die nicht wieder aufgeforstet wurde, sondern dem Rotwild durch das dicht gewordene Unterholz Unterschlupf und Nahrung bieten und damit von anderen bewirtschafteten Waldflächen ablenken soll. „In vier bis fünf Jahren wird sich zeigen, ob dieser Versuch Erfolg hat“, hofft Klaus Quick. Denn auf anderen Flächen wird ein breiterer Mix an Baumarten angestrebt - weg von Fichten- und Buchenmonokulturen, hin zu Mischwäldern mit Ebereschen, Bergahorn, Douglasien oder Weißtannen, die auf Dauer widerstandsfähiger gegen Schädlinge und Klima-Einflüsse sind. Doch auch diese Pläne durchkreuzt das Rotwild gern und frisst mit Vorliebe diejenigen neuen Baumsorten ab, die sich zahlenmäßig in der Minderheit befinden.

Aufgescheucht durch Menschen

Quick macht noch auf ein weiteres Problem aufmerksam: Durch Wanderer, Mountainbiker, Geocacher, Ski-Langläufer und auch Hunde, die sich abseits der ausgewiesenen Wege und sogar an Fütterungsstellen aufhalten, werde das Wild zusätzlich aufgeschreckt und brauche durch den so erhöhten Stoffwechsel mehr Nahrung, die es sich wiederum vor allem im Winter an den Bäumen hole.

Um emotionale Debatten um die Wildbestände künftig sachlich belegen zu können, läuft seit Herbst 2015 ein auf sechs Jahre angelegter, bundesweiter Versuch, bei dem in Pilotregionen rund 50 jeweils 10 x 10 Meter große eingezäunte Gatter pro 100 Hektar Waldgebiet eingerichtet wurden. Zweimal pro Jahr wird die Entwicklung der wildfreien Vegetation in den Gattern mit der dem Wild ausgesetzten Wuchs außerhalb der Gatter begutachtet. Eine von fünf Pilotflächen in NRW befindet sich zwischen Winterberg und Westernbödefeld. „Wild gehört zum Wald, aber Waldbesitzer, Jäger und auch Touristiker müssen konstruktive Gespräche führen und gemeinsam die Verantwortung für einen gesunden Wald übernehmen“, so von der Goltz.

 
 

EURE FAVORITEN