Flugzeugabsturz im Sauerland wirkt bis heute nach

Die Elper Frank Kreutzmann, Jochen Droste und Herbert Hoppe (von links) am Kreuz zum Gedenken an die beiden bei  einem Flugzeugabsturz vor eineinhalb Jahren getöteten Piloten eines Learjets.
Die Elper Frank Kreutzmann, Jochen Droste und Herbert Hoppe (von links) am Kreuz zum Gedenken an die beiden bei einem Flugzeugabsturz vor eineinhalb Jahren getöteten Piloten eines Learjets.
Foto: Volker Hartmann
  • Elper Feuerwehr dokumentiert tödlichen Ausgang der Abfangübung der Luftwaffe
  • Gedenken an die beiden ums Leben gekommenen Piloten aus Schleswig-Holstein
  • Dorf will Kapitel abschließen

Olsberg.. Steine groß wie Handteller. Mit Botschaften für die Ewigkeit: „Olaf, ich hab’ dich lieb, Elke“, „Der Augenblick nimmt uns Jahre“, und „Es tut unendlich weh“.

Sie liegen am Fuß des fast drei Meter hohen Kreuzes aus Lärchenholz. Hier, an der Absturzstelle an der Straße „Am krummen Auwer“ gedenkt die Elper Dorfgemeinschaft der beiden toten Piloten des Learjets aus Schleswig-Holstein. Am 23. Juni 2014 sterben der 50-Jährige und 43-Jährige nach der Kollision mit einem Eurofighter der Bundeswehr.

„Der Engel ist aber neu“, sagt Frank Kreutzmann. 20 Zentimeter groß, aus Ton, cremefarben, breitet er seine Flügel aus. Die Figur liefert seinen Gedanken die Vorlage: „Ja, unser Dorf hat einen Schutzengel gehabt.“ Elpe, das wissen die drei Männer, ist wie durch ein Wunder einer Katastrophe entgangen. Der 44-Jährige: „Es hätte ganz anders ausgehen können.“

Die Welt hat sich seit der Kollision im Luftraum über Elpe weiter gedreht. Im Dorf wirken die Ereignisse des 23. Juni 2014 bis heute nach. Jeder weiß, wo er an diesem Montagnachmittag um 14.39 Uhr war und was er gemacht hat.

Einzige freie Fläche im Ort

„Ich bin bei Straßen NRW “, sagt Kreutzmann, „und war in Sachen Bauüberwachung in der Nähe in Winterberg-Altenfeld unterwegs. Ich habe einen ohrenbetäubenden Knall gehört und bin als damaliger Löschgruppenführer der Feuerwehr nach Elpe gefahren. Ich hatte keine Vorstellung von dem, was passiert sein könnte.“

Er ahnt nicht, dass ein beschädigter Kampfjet der Bundeswehr vom Typ Eurofighter im Tiefflug Richtung Nordwesten donnert, nachdem er mit einem Learjet zusammengestoßen ist, der unkontrolliert Elpe ansteuert und an einem Hang, 40 Meter von der Bebauung entfernt, zerschellt.

„Es war das einzige freie Stück Fläche im Ort“, sagt Herbert Hoppe, „anderswo hätte die Maschine eine ganze Häuserreihe weggemacht.“ Der Tischler ist in seiner Werkstatt. Nach dem Knall rennt er raus, sieht wie Büsche und Bäume brennen. „Es ist unheimlich viel Dreck aufgewirbelt gewesen“, erinnert sich der 60-Jährige. „Niemand wusste, was passiert ist.“ Er atmet auf, als er erfährt, dass seiner Schwester Hildegunde, „sie wollte gerade ins Auto steigen und zum Einkaufen fahren“, nichts passiert ist.

Von der Dramatik im Ort bekommt der pensionierte Lehrer Jochen Droste nichts mit. Er macht mit seiner Frau Lia in Hooksiel, 15 Kilometer nordwestlich von Wilhelmshaven, im Wohnwagen Urlaub.

„Ich hatte keine Nachrichten gehört. Erst am nächsten Morgen beim Brötchenholen habe ich davon aus der Zeitung erfahren.“ Beim Blick auf die Ausgabe der „Nordwest-Zeitung“ fällt dem 66-Jährigen die Schlagzeile auf: „Jets kollidieren in der Luft“, dazu zeigt eine Landkarte mit dem rot markierten Ort Elpe, den Unglücksort. „Meinen Heimatort.“ Ein Anruf bei der Nachbarin schafft Klarheit. Sein Haus liegt etwa 300 Meter Luftlinie von der Absturzstelle entfernt. Es ist, so gesehen, nichts passiert.

Kapitel schließen

Wer den Männern zuhört, der bekommt ein Gespür dafür, wie das Unglück die Menschen im Ort bewegt. Bis heute beschäftigt. Jede Geschichte muss wieder und wieder erzählt werden, stets tauchen alte und neue Einzelheiten eigener Nachforschungen auf. Zum Beispiel?

„Dass die Besatzung eines Learjets gar nicht wie die Piloten eines Kampfjets aussteigen kann“, weiß Hoppe. Auch hat er mal gewusst, wie viel Liter Kerosin ein Learjet tankt. „Heute habe ich es vergessen.“ Der Austausch der Erinnerungen hilft bei der Verarbeitung des tragischen Unglücks. Die Bilder der Explosion und der Feuersäule bleiben für immer in den Köpfen, genauso wie der Geruch von Kerosin und verkohlter Trümmerteile.

„Mit der Dokumentation wollen wir dieses Kapitel der Elper Geschichte vorerst schließen“, sagt Kreutzmann, „einen Schnitt machen und für die nachfolgenden Generationen im Ort festhalten.“ Die Berichte, viele von ihnen sind der aktuellen Berichterstattung der WESTFALENPOST entnommen, beschreiben die Suche nach der Ursache, beschreiben wie die Menschen im Ort das Unglück erleben und versuchen, die Folgen zu bewältigen. Das fängt bei der Entsorgung der Trümmerteile an, geht über die akute Umweltgefährdung von damals hinaus und endet noch lange nicht bei den Ängsten, wenn wieder Kampfjets der Luftwaffe im Tiefflug über den Ort donnern. Ob sie mit diesen Einsätzen ein Problem haben? „Nein“, sagt Droste. „Derartige Abfangübungen müssen ja sein. Sie können nicht ausschließlich über dem Wattenmeer stattfinden.“

Kontakt mit den Angehörigen der beiden toten Piloten hält Ortsvorsteher Dominik Beule. Die Dorfgemeinschaft sorgt für angemessenen Blumenschmuck am Gedenkkreuz. Und dafür, dass für die beiden Opfer immer ein Licht brennt, sorgen Werner Susewind und seine fünfjährige Enkelin Jolina. „Beide wohnen nicht weit von der Absturzstelle“, sagt Kreutzmann, „und gehen jeden Abend zum Kreuz und stecken die Kerzen an.“

 
 

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