Flüchtlinge in der Schule ein großes Thema der LSV-Konferenz

Hartwig Sellmann
Ein großes Thema auf der LSV-Konferenz: die Integration von Flüchtlingen im Schulsystem.
Ein großes Thema auf der LSV-Konferenz: die Integration von Flüchtlingen im Schulsystem.
Foto: Hartwig Sellmann
Wie sehr sie das Thema Flüchtlinge bewegt, das bringen 120 Schülersprecher auf der Landes-Delegiertenkonferenz in Neuastenberg zum Ausdruck. Wir haben ihre Diskussionen verfolgt und Meinungen gesammelt.

Winterberg/Neuastenberg. In zwei Workshops wird an einem Wochenende in der Jugendherberge Neuastenberg lebhaft diskutiert, fleißig analysiert und zukunftsorientiert formuliert, was gut und was schlecht läuft in der landesweiten Flüchtlingspolitik. Die Integration der schulpflichtigen Flüchtlingskinder ins Bildungssystem ist ein Dauerthema für NRW. Deshalb gehört es auch zum Programm der dritten LandesschülerInnenvertretungs-Konferenz in diesem Jahr.

120 SV-Sprecher beziehen Stellung

Die 120 organisierten SV-Sprecher vertreten rund 2,8 Millionen Schülerinnen und Schulen von 1600 weiterführenden Schulen in Nordrhein-Westfalen. So viele gibt es in keinem anderen Bundesland. "Deshalb", das erklärt Landesverbindungslehrer Uli Frerichs (63) aus Recklinghausen, "ist bei den Schülervertretern eine große Bereitschaft vorhanden, sich mit den geflüchteten Menschen auseinanderzusetzen."

Am Ende des Workshops "Integration Geflüchteter ins Bildungssystem" werden Verbesserungsvorschläge in einem Antrag verfasst. Die rot-grüne Landesregierung soll damit konfontriert werden. Zu Beginn läuft in Englisch ein Informationsfilm über die dramatische Flüchtlingswelle. LSV-Vorstandsmitglied Frederic Koch erläutert aktuelle Zahlen und sorgt für Diskussionsstoff. Die Rednerliste bei der anschließenden Aussprache ist lang.

Dennis Bachmann (23) schildert aktuelle Entwicklungen in seiner Heimatstadt Bielefeld: "Die Seiderstickerhalle ist eine Erstaufnahmestelle. Ich habe noch nie so viele Menschen auf einmal gesehen." Am Berufskolleg sei die Situation für die zugewiesenen Flüchtlingskinder zunächst "sehr angespannt gewesen." Inzwischen habe sich die Lage "entspannt." Dennis: "Alle Flüchtlinge sind nun einer von uns."

Julika (16) wirft in die Runde: "Bei uns in Münster wird generell nicht über die Flüchtlingszahlen informiert." Die Schulen seien überfordert mit Zuwächsen aus den Flüchtlingsheimen in drei großen Kasernen. Julika geht auf die kirchliche Marienschule Münster und stellt die Frage: "Müssen die überhaupt Flüchtlinge aufnehmen?"

Antwort aus dem Plenum: "Müssen sie nicht, aber du kannst Flüchtlinge über den Schulrat reinbringen." Christoph Bosle (24) ist gut informiert. Der SV-Sprecher vom Enregio-Kolleg Würselen engagiert sich auch in seiner Freizeit für Flüchtlinge als Betreuer bei den Johannitern.

Psychologen und mehr Sozialarbeiter wünscht sich Nele von der Hildegardisschule Bochum. Das sei dringend notwendig, weil es in der Praxis klemmt. "Bei uns soll eine Sozialarbeiterin theoretisch jeden Mittwoch eine halbe Stunde als Ansprechpartnerin präsent sein. Faktisch ist sie das aber nicht", schildert Nele ihren Schulalltag.

Massive Kritik gibt es an den überforderten Kommunen, wie zum Beispiel in Viersen, wo die Flüchtlinge in einer belegten Schulturnhalle durch einen Bauzaun abgeschottet würden. "Den wollten bei uns alle Schüler einreißen und wegtragen. Menschen sind doch keine Tiere", sagt eine junge Delegierte, die nicht namentlich genannt werden will. "Vorurteile abbauen", möchte Michele. Diese Maxime liegt ihr sehr am Herzen.

Weitere wichtige Fragen steuern den Meinungsaustausch: Internationale Klassen, ja oder nein? Sind Seiteneinsteiger-Klassen sinnvoll? Brauchen wir Psychologen und mehr Sozialarbeiter an den Schulen? Immer noch zu wenig neue Lehrer? Was können Paten bewirken?

Traumatisierte Flüchtlingskinder brauchen Ansprechpartner 

Landesverbindungslehrerin Anke Venohr (53) von der Hauptschule Versmold brieft die jungen Menschen im Workshop Integration: "Achtet auf euer Umfeld, wenn neue Flüchtlingskinder in die Schule kommen." Diese dürften mit ihren Ängsten nicht vernachlässigt werden.

Venohr berichtet aus eigener Erfahrung über einen Schüler, dessen Familie in Deutschland Zuflucht vor dem Bürgerkrieg gesucht hat. Der Junge wurde gehänselt, weil er im Sportunterricht ständig eine Strumpfhose trug. "Irgendwann habe ich dann mit ihm ein vertrauliches Gespräch geführt", erzählt Anke Venohr, die auch ausgebildete Schulsozialarbeiterin ist und einen Lehrauftrag an der Uni Bielefeld hat. Dabei stellte sich heraus: "Dieser Junge hatte sein ganzes Bein verbrannt von einem Brandanschlag."

So wird auf der Konferenz auch das Thema der traumatisierten Flüchtlingskinder angesprochen. "Sie tragen viel mit sich herum, wenn sie zu uns kommen. Das ist nicht leicht, die Frage zu klären, wie gehe ich damit um. Werbt an eurer Schule für Verständnis und Toleranz", appelliert Anke Verlor. Denn nebeneinander her zu leben, das sei fatal.

Diffarmierungen von Flüchtlingen im Unterricht

Ob 2400 neue Lehrerstellen in Nordrhein-Westfalen für die Bewältigung aller Integrationsprobleme ausreichen, das bezweifelt Anthony Masaki (16), Schülersprecher am Städtischen Gymnasium Gütersloh. Seine Mutter ist Türkin, sein Vater Japaner. Der Sohn kämpft für Gleichbehandlung der jungen Flüchtlinge. Diffarmierungen durch Lehrer seien Einzelfälle, aber real, vorrangig an Hauptschulen. "Aus euch wird nie was", das hörten Flüchtlingskinder im Unterricht immer öfter, glaubt Anthony.

Fluchtursachen nicht vermischen - Nährboden für Rechtsradikale 

Über Flucht und deren Ursachen reden die engagierten Schülervertreter in einem weiteren Workshop zum Thema Flüchtlinge, den Jan Lüttmann vom Flüchtlingsrat NRW leitet. Herkunftsländer, Fluchtwege, rechtliche Grundlagen, Asylverfahren, Unterbringung, Rassismus und rechte Parteien sind die Schwerpunkte.

Danach steht für Michael Spitz (18) aus Herdecke, der die Holzkamp-Gesamtschule Witten vertritt, unbedingt fest: "Es darf nicht zu viel vermischt werden unter den Etiketten wie Wirtschaftsflüchtlinge oder Schmarozer. Sonst gibt es immer wieder Angriffe von Rechtsradikalen auf Flüchtlingsheime, so wie es in Witten geschehen ist. Das darf in unserer heutigen Gesellschaft nicht mehr passieren."

Gegen Pegida und Hogesa wehren

Auch für Jurek Macher (17) vom Gymnasium Essen-Borbeck sind politische Positionen entscheidend: „Wir müssen uns als Schüler gegen rechte Hetzkampagnen von Organisationen wie Pegida und Hogesa entgegenstellen. Das ist rassistisch und menschenverachtend. Schüler müssen erkennen, dass Flüchtlinge nicht die Opfer sind. Wir unterstützen deshalb auch antifaschiste Bündnisse und Schulen mit Courage."

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