Flieger weckt Fernweh am Firmament

Kondensstreifen über Brilon mit Turm der Nikolaikirche und Bilstein im Hintergrund
Kondensstreifen über Brilon mit Turm der Nikolaikirche und Bilstein im Hintergrund
Foto: WP

Brilon.  Man hört sie am Himmel rauschen, man sieht bei schönem Wetter ihre Kondensstreifen. Wie mit dem Lineal gezogen, manchmal auch kreuz und quer. Mancher Beobachter rätselt, woher sie kommen, wohin sie fliegen, in welcher Höhe und wie schnell, zu welcher Fluglinie sie gehören – die Flugzeuge, die täglich am Himmel über Brilon ihre Bahnen ziehen.

Man kann es sich nur schwer vorstellen, dass Flugzeuge über unseren Köpfen nicht nur innerdeutsche und europäische Ziele ansteuern, sondern auf ihren Flugrouten über Tausende von Kilometern sogar über Kontinente und Ozeane hinweg ausgerechnet über Orte des Altkreises Brilon hinwegdüsen.

Aber ein Blick ins Internet gibt überraschende Auskunft und einen interessanten Einblick in die erstaunliche Welt der Kondensstreifen und ihrer Verursacher. Unter „www.flightradar24.com“ erscheint zum Beispiel eine Europakarte mit einem Gewusel von bis zu 2000 dargestellten Flugzeugen.

Erst beim Vergrößern des Kartenausschnitts („Zoom in“) der gewünschten Region kann man einzelne Flugzeuge gut erkennen, die sich je nach Transponder-Signal etwa viermal in der Minute in Echtzeit ein Stück weiter bewegen („Live Flight Tracker“).

Mit einem Mausklick auf das Flugzeugsymbol erscheinen Rufzeichen („Callsign“) sowie die bisherige Flugroute und öffnet sich ein Fenster mit Informationen über Airline, Flugroute, Flugzeugtyp, Flughöhe und –geschwindigkeit. Ein weiterer Klick auf die Flugnummer öffnet zusätzliche Informationen wie Flugentfernung und geschätzte Flugzeit.

Die Beschäftigung mit der Internetseite bringt für den Nutzer umfangreiche Erkenntnisse. Neben deutschen und europäischen Airlines wie Air Berlin, Air France, Austrian Airlines (Österreich), Easyjet, German Wings, Koninklijke Luchtvaart Maatschappij (KLM Niederlande), Lufthansa, Thomas Cook, Turkish Airline, Virgin Atlantic (GB) oder Wizz Air (Ungarn) - auch die „German Air Force“ lässt sich auf Flügen zwischen Regierungseinrichtungen in Berlin und Bonn gelegentlich über Brilon blicken - verkehren auch zahlreiche Maschinen außereuropäischer Gesellschaften über dem Sauerland: Air China, China Eastern, Continental (USA), Egypt Air, El Al Israel, Emirates (Vereinigte Arabische Emirate Dubai), EVA Air (Taiwan), Garuda Indonesia, Gulf Air (Bahrain), Jet Airways (Indien), Kenya Airways, Korean Air, Pakistan International, Qatar Airways, Royal Jordanian, Saudi Arabian, Singapur Airlines, United Airlines (USA).

Bei den innerdeutschen Flügen, die unseren Raum berühren, liegt Köln/Bonn als Zielflughafen vorn, meist angeflogen aus Richtung Berlin, Dresden oder Hamburg, wobei die Flugzeuge sich mit etwa 5000 m Flughöhe schon im Landeanflug auf Köln/Bonn befinden, wo sie etwa eine Viertelstunde nach dem Flug über Brilon ankommen. Dagegen sind Langstreckenflieger von Frankfurt nach Los Angeles oder von München nach San Francisco noch länger als einen halben Tag unterwegs.

www.flightradar24.com

Zunächst mag es irritieren, warum der Flug von Frankfurt nach dem etwa 15 Breitengerade (ca. 1600 km) südlicher gelegenen Los Angeles nach Norden führt. Wenn man jedoch auf einem Globus einen Faden von Frankfurt nach LA spannt, wird verständlich warum die kürzeste Flugstrecke nach Norden, zunächst über die Südspitze Grönlands und dann im Bogen südwestlich über die USA verläuft. Genauso leuchtet es dann ein, dass ein Flug von Frankfurt ins südlichere Japan oder China – über Brilon – in nordöstlicher Richtung über Russland und Sibirien verläuft.

Weitere Interkontinentalflüge über den Altkreis hinweg haben Ziele in der gesamten nördlichen Hemisphäre, z.B. Amsterdam – Jakarta, Doha (Katar) – Washington, Dubai – New York, Frankfurt – Shanghai, Islamabad – Manchester, Johannesburg – Amsterdam, Mumbai (Bombay) – London oder Peking – Paris. Europäische Flüge machen den größten Anteil des Flugverkehrs über Brilon aus, z.B. Antalya – Doncaster (GB), Bratislava – Dublin, Brüssel – Moskau, Heraklion (Kreta) – Münster/Osnabrück oder Paderborn – Mallorca.

Hobby: Plane-Spotting

Den „Langstreckenrekord“ eines Fluges über Brilon hält im beobachteten Zeitraum eine B 747 von Singapur Airlines mit 10560 km und 12 Stunden Gesamtflugdauer im Non-Stop-Flug von Singapur nach Amsterdam. Die größte Flughöhe mit 40000 Fuß oder 12192 Meter erreichte eine A 380 von Emirates auf dem Weg von Dubai nach Manchester. Am schnellsten war mit 520 Knoten oder 960 km/h die B 747 von Korean Air auf dem Flug von Seoul nach Paris.

Auf den langen Strecken im Passagierflugverkehr haben insbesondere Flugzeuge mit vier Strahltriebwerken ihre Bedeutung, so die Boeing 747 (als Jumbo-Jet bekanntes Großraumflugzeug), der EADS Airbus A 340, der heute zu den Hauptverkehrsträgern auf Interkontinentalflügen zählt, und seit 2005 der Airbus A 380 als derzeit weltgrößtes Passagierflugzeug mit maximal etwa 800 Passagieren auf zwei durchgehenden Decks. Als Vierstrahler im Kurzstreckenverkehr z.B. Brüssel – Warschau oder München – Amsterdam wurden über Brilon auch die RJ 85 und 100 („Jumbolino“) der britischen AVRO gesichtet, mittelgroße Hochdecker für extrem kurze Start- und Landebahnen.

Ursprünglich vor allem für Kurz- und Mittelstrecken konzipiert, sind zweistrahlige Flugzeuge durch technische Verbesserungen zunehmend auch auf Langstrecken unterwegs, als erfolgreiche Modelle sind Airbus A 330 und Boeing B 767 und 777 im Einsatz.

Besonders interessant ist es, ein Flugzeug virtuell auf dem Bildschirm zu verfolgen und dann am Himmel etwa über Brilon zu entdecken und mit dem Teleobjektiv zu fotografieren.

Die Fans unter den Flugzeugbeobachtern nennen das „Plane-Spotting“. Mit etwas Übung gelingt es je nach Flugrichtung das Objekt in dem betreffenden Himmelsbereich zu orten. Schließlich verlaufen die Kondensstreifen immer wieder in ähnlichen Bahnen.

Mancher „Flugzeuggucker“ stellt sich auch die Frage, wo sich ein Flugzeug gerade befindet, dessen sich Richtung Horizont bewegender Kondensstreifen von Brilon aus noch ca. sechs Minuten zu sehen ist: bei 800 km/h Fluggeschwindigkeit hat es bereits 80 km zurückgelegt und fliegt dann schon hinter Siegen, Dortmund, Bielefeld oder Kassel.

Fehlt noch ein kleiner Physikkurs zur Entstehung von Kondensstreifen: Bei der Verbrennung von Treibstoff in Flugzeugtriebwerken bilden sich heiße Abgase, die bei der Vermischung mit kalter Umgebungsluft als weiße Wolkenstreifen sichtbar werden. Diese entwickeln sich erst ein Stück hinter den Triebwerken, wenn sich die Abgase abgekühlt haben.

Kondensstreifen entstehen bei Temperaturen niedriger als minus 40 Grad Celsius in der Reiseflughöhe oberhalb 8 km Höhe in der oberen Troposphäre und unteren Stratosphäre. Die Entwicklung des Kondensstreifens wird von den Luftturbulenzen (Wirbelschleppe) hinter dem Flugzeug geprägt und variiert je nach vorherrschenden Wind-, Temperatur- und Feuchtigkeitsverhältnissen.

Flieger, zeig mir die Sonne

Bei sehr feuchter Luft halten sich die sichtbaren Kondensstreifen bis 15 Minuten, bei trockener Luft können sie schon nach 30 Sekunden verschwinden. Mitunter treten Deformierungen an Kondensstreifen auf (Crow-Instabilität), wobei sich Kringel und andere Formen bilden, die sich nach wenigen Minuten wieder auflösen.

Und wenn in Zukunft Flugzeuge am Himmel über dem Altkreis rauschen, dürften ihre Kondensstreifen WP-Lesern mit Internet-Anschluss keine Rätsel mehr aufgeben.

Denn sie wissen, dass z.B. der vierstrahlige Wolkenstreifen gegen 17.20 Uhr zum Flug CA933 der China Airlines gehört, deren Airbus A 340 auf dem Weg von Peking nach Paris von Brilon aus noch etwa 50 Minuten bis zur Landung auf dem Flughafen Charles de Gaulle braucht.

 
 

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