Fatale Ferien-Fehlentwicklung

Start frei für unsere neue Serie "Fragen-Domino". Den ersten Stein setzt WP-Redakteur Thomas Winterberg in Bewegung. Er fragt den früheren Medebacher Bürgermeister Heinrich Nolte.
Start frei für unsere neue Serie "Fragen-Domino". Den ersten Stein setzt WP-Redakteur Thomas Winterberg in Bewegung. Er fragt den früheren Medebacher Bürgermeister Heinrich Nolte.
Foto: WP

Medebach..  Heute starten wir unsere neue Serie „Fragendomino“. Wir setzen den ersten Stein mit vier Fragen an den früheren Medebacher Bürgermeister Heinrich Nolte. Und der wird in der kommenden Woche Antworten auf vier Fragen bekommen, die er dem Bergsteiger Jürgen Niggemann aus Züschen gestellt hat. Los geht’s:


Ein fertiger Ferienpark in Winterberg, ein geplanter Park in Bestwig-Wasserfall. Ich kann mich noch gut erinnern, wie schwierig es war, den Center Parcs in Medebach anzusiedeln. Und stets war die Rede davon, dass in einem großen Radius keine weitere Anlage rentabel sei. Wie viel Ferienpark verträgt eigentlich das Sauerland?
Der Park in Medebach konnte erst angesiedelt werden, nachdem durch ein wissenschaftlich seriöses Gutachten Bedarf und Auslastbarkeit nachgewiesen waren. Der Gutachter hat damals mit anerkannten Methoden untersucht, welche Urlauber sich für Ferienparks entscheiden und aus welchem Einzugsbereich sie kommen. Daraus ergab sich, dass eine wirtschaftlich ausreichende Auslastung für den Park in Medebach mit rund 3500 Betten erwartet werden konnte, aber in demselben Einzugsbereich weitere Parks nicht verträglich seien. Deshalb gab das Land der Stadt auch damals die Zusicherung, dass ein weiterer Park im Regierungsbezirk Arnsberg nicht genehmigt werde.

Der Park in Medebach sollte der Stadt nach dem damaligen Verlust von fast 500 Arbeitsplätzen eine neue wirtschaftliche Grundlage geben. Gleichzeitig sollte für den Tourismus im Sauerland ein Stück Witterungsunabhängigkeit geschaffen werden. Damit diese Attraktionen wirtschaftlich unterhalten werden können, muss eine hohe Auslastung des Parks gegeben sein. Die neuen Parks in Winterberg (in Betrieb), Sundern-Amecke (genehmigt), Bestwig und Marsberg (geplant) ersparen sich eigene Investitionen für witterungsunabhängige Attraktionen. Sie entziehen nach meiner festen Überzeugung dem Medebacher Park Gäste, die er zum Überleben braucht.

Schon seit der Eröffnung des Winterberger Parks sind die Übernachtungszahlen in Medebach in einem dramatischen Umfang gesunken. Und es sollen ja noch drei weitere Parks kommen…

Mich erinnern die jüngsten Entscheidungen fatal an die Fehlentwicklungen bei Urlaubsimmobilien in Portugal, Spanien und Griechenland. Es wäre wesentlich sinnvoller, das Sauerland als Urlaubsregion durch Anlagen aufzuwerten, die hier noch nicht vorhanden sind, statt eine Wegwerfmentalität mit bestehenden wertvollen Anlagen zu praktizieren und die wirtschaftlichen Grundlagen einer ganzen Stadt und öffentliche Fördergelder in dreistelliger Millionenhöhe zu gefährden. Vielleicht stehen im HSK demnächst vier Ferienpark-Ruinen, weil keiner überleben konnte.

Mehr als 27 Jahre waren Sie Stadtdirektor und Bürgermeister in Medebach. Kribbelt es dem Privatmann Heinrich Nolte ab und an in den Fingern, doch noch in der Politik mitzumischen?

27 Jahre sind eine sehr lange Zeit für die Ausübung der Funktion eines Rathauschefs. Ich habe mich deshalb auch ganz bewusst dafür entschieden, 2009 nicht noch einmal für eine weitere Amtszeit zu kandidieren. Es fördert den demokratischen Prozess, wenn nach so langer Zeit andere die Verantwortung übernehmen. Dazu gehört dann aber auch, dass die „Alten“ sich nicht auf derselben Ebene in die Arbeit der „Neuen“ einmischen. Das schließt natürlich nicht aus, dass Rat oder Auskunft gegeben werden – aber nur, wenn das erwünscht ist.

In Bezug auf die „große“ Politik schwillt mir natürlich immer der Kamm, wenn Politiker, aus welchen Parteien auch immer, ihre persönlichen Vorteile suchen, statt sich auf die Arbeit an inhaltlich guten Lösungen zu konzentrieren. Große Bewunderung habe ich in diesem Zusammenhang allerdings für unsere Kanzlerin.


Stichwort „LEADER“: Inwieweit hat die Gemeinschaftsinitiative der Europäischen Union unsere Region weiter gebracht?
Ich glaube, dass die Region Hochsauerland durch LEADER wirklich große Schritte nach vorn gemacht hat. Schon in der Förderperiode 2000 bis 2007 haben die beiden Städte Hallenberg und Medebach weit über 30 Projekte umgesetzt, die heute voll ihre Wirkung entfalten. Beispielhaft seien nur der Kump in Hallenberg und die Touristik-Zentrale in Medebach genannt. In der laufenden Förderperiode 2008 bis 2013 sind bereits jetzt knapp 60 Projekte durchgeführt oder stehen vor der Durchführung. Projekte, wie das Ausbildungszentrum für Metall- und Elektroberufe in Olsberg oder Top-Nachwuchs für Top-Firmen tragen nachhaltig zur Schaffung bzw. zum Erhalt von Arbeitsplätzen in unserer Region bei. Das große Projekt „Leerstandsmanagement/Dörfer im Aufwind“ hat greifbar dazu geführt, dass die Dörfer unserer Region drohende Gefahren erkannt haben und die Einwohner jetzt mit riesigem Engagement an gegensteuernden Maßnahmen arbeiten. Es geht aber nicht nur um Projekte. Die sechs Städte des Altkreises Brilon und ihre Einwohner sind viel enger zusammen gerückt und schaffen mit vereinten Kräften auf vielen Gebieten wesentlich mehr als vorher. Und wenn auf einen Aufruf in der Presse hin innerhalb eines Monats 26 neue Projektideen eingereicht wurden, zeigt das doch deutlich, wie quirlig und zukunftsorientiert diese Region ist.


Sie sind ja auch in der „Bürgerhilfe Medebach“ sehr aktiv. Warum liegt Ihnen das so am Herzen?
Mich hat schon seit vielen Jahren gewaltig gestört, dass in unsere Gesellschaft immer mehr eine rein egoistisch geprägte Strömung einzog, die letztlich zu dem großen Graben geführt hat, den keiner heute ernsthaft leugnen kann. Das ging ja teilweise so weit, dass man auf seinen Geisteszustand untersucht werden sollte, wenn man sich für andere uneigennützig einsetzte. Ich glaube, eine so geprägte Gesellschaft kann nicht lange überleben. Darüber sollte sich eigentlich jeder klar sein.

Im Medebacher Bürgerhilfeverein haben wir in den drei Jahren unseres Bestehens erfahren, in wie viel Bereichen trotz unserer durchaus ausgeprägten staatlichen und kommunalen Hilfesysteme noch Hilferufe an uns herangetragen werden. Geld spielt dabei im Übrigen nur eine untergeordnete Rolle.

Und wer mal erlebt hat, wie schön es ist, wenn man jemandem wirklich aus einer Notlage helfen konnte, dem wächst eine solche Aufgabe automatisch ans Herz.

 
 

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