Eine „Ess-pertin“ für Nahrung und Kunst

Unter Kultur kann sich jeder von uns etwas vorstellen. Unter Kulinarik auch. Aber was bedeutet „Kulturkulinarik“? Eine junge Frau aus Bigge ist gerade dabei, diesen Begriff zu prägen.

Bigge/Düsseldorf. „Ich versuche, auf kreative Art eine Verbindung zwischen dem Menschen, seinem Alltag, dem Essen und der Kunst herzustellen.“ Katrin Schwermer-Funke ist da quasi eine „Ess-pertin“. Denn das Zubereiten und Aufnehmen von Nahrung kann Horizonte erweitern, Völker und Generationen miteinander in Kontakt bringen, Kinder begeistern, Räume neu erschließen und Sinne schärfen. Aber hübsch der Reihe nach, denn es kann sogar „ess-thetisch“ sein:

Katrin Schwermer-Funke ist 28 Jahre alt, wird in Olsberg geboren, geht dort und bei den Bennis in Meschede zur Schule, bevor sie das Sauerland zum Studium der Kulturpädagogik verlässt. „Ich bin aufgewachsen mit Oma Finchens Hefekuchen, Mamas Kartoffelbällchen und einem Garten voller Johannisbeersträucher“, schreibt sie herrlich bildhaft auf ihrer eigenen Homepage. Aber Essen sei für sie lange Zeit etwas gewesen, über das sie sich keine großen Gedanken gemacht habe, erzählt sie.

Frage der Wertschätzung

Doch im Studium merkt die junge Frau sehr schnell, dass eigentlich jeder Mensch in einer Unterhaltung etwas zum Thema Essen beitragen kann, Erinnerungen damit verknüpft. „Es ist das Medium schlechthin, um mit Fremden ins Gespräch zu kommen, um etwas über ihre Kultur und ihre persönliche Lebensart zu erfahren.“ Bei späteren Reisen und beim Zusammenleben mit unterschiedlichen Menschen an unterschiedlichen Orten sieht, riecht und schmeckt sie zum ersten Mal Kardamonkapseln und Korianderblätter, niederländischen Stamppot, lettische Möhren-Rosinen-Küchlein und entdeckt ihre Liebe zu Knoblauch. Katrin Schwermer-Funke erkennt, welches Potenzial in Kartoffelklößen, Focaccia, Muskatnuss und Co. steckt. Das Hobby „Kochen und Essen“ wird Thema ihrer Bachelorarbeit. Unter dem Titel „Kultur-kulinarische Orte - Essen als Medium für kulturelle Projekte“ untersucht sie, inwieweit sich Essen und Kochen in der kulturpädagogischen Arbeit einsetzen lassen.

Klingt sehr theoretisch, ist aber durchaus sehr praxisbezogen: Momentan arbeitet sie mit einer Architektin zusammen, um verlassene Orte über kulinarische und raumgestalterische Aktionen wiederzubeleben. Wo früher eine Tankstelle war, sei ein kleiner Laden mit Speiseölverkostung denkbar. Verwilderte Garageneinfahrten schreien förmlich danach, mit mobilen Beeten bestückt zu werden. Schulklassen könnten Patenschaften für die Beete übernehmen. Hinter all dem steckt der Versuch zu zeigen, wie viel verantwortungsvolle Handarbeit zum Anbau von Nahrungsmitteln nötig ist. Katrin Schwermer-Funke will nicht zwischen Supermarkt, Pfanne und Teller missionieren, sie will Denkimpulse geben. Ihr geht es darum, dem Essen seine Genusshaftigkeit und der Produktion von Nahrungsmitteln die ihr gebührende Wertschätzung wiederzugeben.

Demnächst möchte sie auch in Schulen aktiv werden. Unter dem Motto „Du bist, was Du isst!“ können Schüler ihre eigene kulinarische Biografie erkunden. Bei Projekten wie „Food in the city“ suchen sie in der Stadt Spuren von Essen und Trinken und sie ziehen daraus Schlüsse über ihr Essverhalten. Spektakulär war unlängst die Ausstellung „Food & Foto“ in der Hochschule Niederrhein. Als Dozentin ist sie gemeinsam mit Professor Theodor Bardmann und 24 Studierenden auf kulinarische und fotografische Entdeckungsreisen gegangen. „Einige haben sich mit der Bedeutung des Butterbrotes befasst, andere in leerstehenden Fabriken Chillis angepflanzt. Bei einer Exkursion zum Bio-Bauern waren manche nicht bereit, mit den bloßen Händen Unkraut aus der Erde zu ziehen – soweit ist bereits die Entfremdung von unserer Nahrungsherstellung“, sagt die Olsbergerin.

Man müsse ja nicht alles selbst anbauen, aber man sollte ein Gefühl dafür bekommen, wie es geht und welche Arbeit dahinter steckt, meint die 28-Jährige, die jetzt in Düsseldorf lebt und 2011 für ihr „ess-entielles“ Engagement mit dem Business Award als beste Gründerin der Hochschule Niederrhein ausgezeichnet wurde.

Musik könne man auf CD brennen, Essen sei da eher flüchtig, meint sie. Daher sei es wichtig, die Geschichten rund ums Essen zu sammeln, zu bewahren und weiterzugeben. Die Fachfrau: „Ich ermutige Menschen dazu, diese Geschichten hervorzuholen. Nicht nur, weil die Geschichten rund ums Essen das sind, was vom Essen übrig bleibt, sondern weil Beschäftigung mit Essen auch Beschäftigung mit der eigenen Biografie, der eigenen Identität, den Wurzeln und den Sinnen bedeutet. Tagtäglich haben wir es in der Hand, unser Leben kulinarisch zu gestalten und dabei können wir sehr kreativ sein.“

Eine schöne Idee ist auch die eines Gemeinschaftsgartens: Städtische Brachflächen könnten neu bewirtschaftet werden. Und wenn dann Menschen unterschiedlicher Herkunft über ihre verschiedenartige Art der Beeren- oder Obstverarbeitung philosophieren würden, dann wäre das auch ein Stück Völkerverständigung – einfach so über das Marmeladenglas.

 
 

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