Ehemalige Briloner Internatsschüler erheben schwer Vorwürfe

Detlef Delfing, Heimkind in den 1970er Jahren
Detlef Delfing, Heimkind in den 1970er Jahren
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Ehemalige Briloner Internatsschüler erheben schwer Vorwürfe. Sie berichten über Misshandlungen in den Jahren zwischen 1960 bis 1980.

Brilon/Essen.. Nette Jungs. Gepflegt. In Zweier-Reihen laufen sie sonntags in Anzügen in Brilon durch die Stadt, singen honorigen Bürgern fröhliche Lieder oder verkaufen Altkleider für einen guten Zweck. Heile Welt. Die Kinder sind aus dem Jungborn Internat. Die Einrichtung hilft verhaltensauffälligen Kindern offenbar ins Leben zurück. Ein Bild, das die Einrichtung in der Öffentlichkeit vermittelt. Der Nachwuchs ist hier zwangsuntergebracht und stammt in der Regel aus schwierigen Familienverhältnissen. So war es früher, zwischen 1960 und 1980.

Fast 40 Jahre später melden sich Zöglinge von damals im Internet. Anonym. Unter der Überschrift „Prügel am Drübel“ beschreiben sie detailliert wie sie vom damaligen Heimleiter verprügelt, gequält und gedemütigt worden sind. Einer der Initiatoren, der die Vergangenheit des Hauses aufarbeiten will, ist Detlef Delfing.

Nicht länger schweigen

Der heute 52-jährige Essener war vom 2. August 1973 bis zum 25. Juni 1976 in Brilon. „Meine Mutter, sie war alkoholkrank, hat mich dahin gebracht. Ich habe sie dafür gehasst.“ Delfing, heute als Softwareentwickler selbstständig, will nicht länger über die Vorkommnisse schweigen und fordert eine Entschuldigung ein. „Es kann nicht sein, dass eine in jüngster Zeit mehrfach ausgezeichnete Einrichtung nicht über ihre wenig schmeichelhafte Geschichte reden will.“

Ihn stört es, wenn der ehemalige Heimleiter für „einen ehrbaren Bürger gehalten wird. Das ist er wahrlich nicht“. Der Mann selbst kann sich nicht mehr zu den Vorwürfen äußern. Er ist 85 Jahre alt und leidet unter schwerer Demenz. Seine Tochter Dagmar Korte verteidigt ihren Vater nicht. Von der Prügelstrafe, vom stundenlangen Stillsitzen, vom Einsperren im dunklen Abstellraum, hat die heute 55-Jährige, nichts mitbekommen. Sie sagt nur so viel: „Die ganze Familie hat unter seinem stringenten Regime gelitten. Jedes der vier Kinder hat seinen Platz finden müssen.“

Nach dem Tod der Mutter 1979 sei die Familie „durch das Verhalten dieses Patriarchen auseinander gebrochen“. Heute habe sie ein distanziertes Verhältnis zu ihm.

Die persönlichen Vorwürfe im Netz, auch gegen sie, damals ein Kind, treffen sie hart. Sie ist bestürzt und betroffen über die Grausamkeiten, die beschrieben werden, mit denen sie nichts zu tun hat. „Für ­Taten und Inhalt in dieser Zeit kann ich nicht stehen. Auch kann ich nicht für meinen Vater sprechen“, sagt Dagmar Korte, „auch ich bedaure das alles sehr.“

Sie hat die Leitung der Einrichtung 2002 von ihrem Vater übernommen. Der Name Jungborn taucht nicht mehr auf. Heute ist das Internat am Drübel eine landesweit anerkannte staatliche Förderschule in freier Trägerschaft mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung, die 24 verhaltensauffälligen Kindern einen Platz bietet. Hans-Werner Rötzmeier ist seit zehn Jahren Schulleiter. Als der 59-jährige Pädagoge, der seit 37 Jahren in der Einrichtung arbeitet, die dramatischen Geschichten und Schicksale liest, ist er erschüttert: „Ich habe einen großen Teil meines Lebens in Frage gestellt.“

Die heutige Situation sei mit damals nicht vergleichbar. „Ich bin überzeugt, unsere Schüler fühlen sich wohl. Wir haben nichts zu verbergen.“ Vielmehr gelte die Schule als „Perle unter den Schulen“ in der Region. „Wir genießen einen ausgezeichneten Ruf. Heute kommen noch viele Ehemalige vorbei.“

Für die Niederschrift der Erlebnisse von zehn Mitschülern hat Initiator Delfing eidesstattliche Erklärungen vorliegen. „Alle sind froh, dass ihnen endlich jemand zuhört, dass ihnen endlich jemand glaubt.“ Ein Briloner, der 1970 mit elf Jahren selbst im Internat war und sieben Jahre dort lebte, findet sich allerdings auf der Homepage nicht wieder. Der Geschäftsmann will anonym bleiben. Er sagt: „Das ist sehr einseitig dargestellt und teilweise ­sogar diffamierend.“

Rauer Ton

Natürlich habe es sich um ein Erziehungsheim gehandelt, wo ein rauer Ton üblich gewesen sei und auch das Essen oftmals zu wünschen übrig gelassen habe. An Schläge und Einsperren in der Abstellkammer könne er sich nicht erinnern. „Es hat mal eine Ohrfeige gegeben“, so der Briloner, „aber die hatte ich dann auch verdient.“

Den damaligen Heimleiter beschreibt er als aufbrausend und von sich eingenommen. Er habe Attitüden eines Alleinherrschers an den Tag gelegt: „Außerhalb des Internats wusste er sich aber durchaus positiv darzustellen.“

Dass nicht jeder Jugendliche gleichermaßen gelitten hat, weiß auch Rainer Schmidt. Der Hamburger, der von 1969 bis 1974 in Brilon war, sagt: „Das ist doch ganz normal. Es gibt doch in jeder Klasse auch Lieblinge, jeder spielt eine andere Rolle.“ Der 56-Jährige aber kann bis heute nicht entspannt im Dunkeln sein und wird von Alpträumen geplagt: „Die sonderpädagogische Behandlung bestand aus Druck und Gewalt - und das nicht zu knapp. Brilon hat mich geprägt. Es war das schlimmste Heim, in dem ich war.“

Er macht Dagmar Korte nicht für die Taten ihres Vaters persönlich verantwortlich. „Aber die ganze Familie lebt bis heute von dieser Einrichtung. Ich wünsche mir eine Entschuldigung und mehr Unterstützung.“

Einer Aussprache an einem runden Tisch an neutralem Ort verschließt sich die Internatsleitung nicht. Im Gespräch ist ein Treffen beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Aufsichtsorgan der Einrichtung, in Münster. Dagmar Korte: „Die Vergangenheit muss abgearbeitet werden.“

 
 

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