Egger musste am Anfang dicke Bretter bohren

Blick auf die Firma Egger, die auf ihr 25-jähriges Bestehen zurückblickt.
Blick auf die Firma Egger, die auf ihr 25-jähriges Bestehen zurückblickt.
Foto: WP
Die Firma Egger blickt auf 25 Jahre am Standort Brilon zurück. Ganz einfach war der Anfang nicht; mittlerweile ist Egger mit 1050 Arbeitsplätzen der größte Arbeitgeber der Stadt.

Brilon..  „Arbeitsplätze Ja, Giftschleuder Nein!“ Bei einer Protestkundgebung im November 1989 ist der Briloner Marktplatz voll mit Menschen und solchen Transparenten. Abends kommen 2000 Leute in die Schützenhalle. „Bürgerinitiative will Baustopp erreichen“ titelt die WP. Es geht um Europas größtes Spanplattenwerk, das vor den Toren der Stadt entsteht.

Die Bürger befürchten damals vor allem gesundheitliche Beeinträchtigungen durch das für das Werk geplante Biomasse-Kraftwerk. Bis vors Verwaltungsgericht ziehen die Gegner. Vergebens. Das war vor 25 Jahren. Heute blickt der größte Arbeitgeber der Stadt auf ein erfolgreiches Vierteljahrhundert in Brilon zurück.

„Die Energiezentrale mit Holzfeuerung war anfangs sehr umstritten. Sie war die größte ihrer Art damals in ganz Deutschland. Und technisch gesehen war sie der Zeit sogar um zehn Jahre voraus“, erinnert sich der Geschäftsführer Technik/Produktion, Gerhard Niehaus, an das aufwändige Genehmigungsverfahren. Irgendwie sei bei der ganzen Diskussion jedoch Holz- mit Müllverbrennung gleich gesetzt worden. Die Wogen schlagen hoch und die Stadt bezieht dabei von den Bürgern viel Prügel.

Der damalige Beigeordnete der Stadt Brilon, Reinhard Sommer, erinnert sich noch gut daran: „Der Protest wurde laut, nachdem zwei Wissenschaftler, die durch die ganze Republik zogen, den Brilonern weis machen wollten, die halbe Stadt würde in einigen Jahren an Krebs erkrankt sein.“

22 Hektar baufähiger Grund

„Wenn die Kommunalwahl nicht gerade vorbei gewesen wäre, hätte es Egger vielleicht in Brilon nicht gegeben“, mutmaßt er. Dabei habe die Stadt wirkliche Pionierarbeit geleistet und binnen eines halben Jahres 22 Hektar Fläche aus vielen Einzelparzellen erworben, an Egger verkauft und als baufähigen Grund und Boden zur Verfügung gestellt. Reinhard Sommer geht noch einen Schritt weiter: „Brilon wäre ohne Egger heute nicht das, was es ist.“

Die Egger-Ansiedlung treibt damals einen Keil in die Bevölkerung zwischen Befürworter und Gegner. Manche sprechen heute noch kein Wort miteinander. „Wir waren ja nicht gegen die Ansiedlung generell. Ich glaube schon, dass unser Protest dazu geführt hat, dass die Auflagen sehr streng wurden. Ohne uns wären die Schornsteine vermutlich nicht so hoch ausgefallen“, sagt Robert Becker heute. Damals war er Vorsitzender der Bürgerinitiative gegen das Spanplattenwerk.

Allen Protesten zum Trotz - die Betriebsgenehmigung kommt. „Herr Egger ist mit der klaren Tiroler Ehrlichkeit an die Sache herangegangen und hat versprochen, die Emissions-Messdaten freiwillig ständig öffentlich zu machen. Die Dioxin-Werte liegen heute noch bei lediglich zehn Prozent dessen, was erlaubt ist“, verspricht Rüdiger Börnke. Das, was sichtbar aus den 90 Meter hohen Schloten komme, sei ohnehin nahezu reiner Wasserdampf. Börnke ist Projektleiter Technik/Produktion und Mann der ersten Egger-Stunde in Brilon. Als am 15. September 1989 die Bezirksregierung in Arnsberg grünes Licht für den Bau gibt, hat er den ersten Speis angerührt. „20 Beton-Lkw standen an dem Tag startbereit auf der Straße; wir haben sofort losgelegt; die Bodenverhältnisse waren nicht einfach.“

Mit 200 Leuten angefangen

Mit 200 Leuten geht Egger im Januar 1991 an den Start. Aber kaum angefangen, wird der Betrieb nach drei Monaten für eine Woche stillgelegt. „Wir hatten einen anderen, durchaus moderneren und effektiveren Trockner eingebaut. Aber der war streng genommen nicht genehmigt“, gesteht Rüdiger Börnke. Die Behörde gibt nachträglich ihren Segen, der Betrieb läuft weiter. „Als dann 1996 eine zweite Kesselanlage gebaut wurde, gab es nicht eine Einwendung bei der Öffentlichen Auslegung, Ich glaube, dass kein einziger Bürger überhaupt noch in die Pläne geschaut hat.“

Brilon als waldreichste Stadt, die Nähe zur großen Küchenmöbelindustrie in Ostwestfalen und eine große Anzahl an Fachkräften - Nolte-Möbel gab es nicht mehr, die Arbeitslosenquoten war zweistellig - dürften den Ausschlag für den Standort Brilon gegeben haben. Nur wenig später fiel die Mauer; wer weiß, ob Egger nicht sonst auch in den neuen Bundesländern investiert hätte?

Vieles ist seitdem am Standort Brilon passiert. Dass die Firma einmal so groß werden würde, hat in den Anfangsjahren niemand vermutet. Was als Holz reinkommt, wird nahezu komplett verarbeitet. Die stoffliche Verwertung hat Vorrang vor der thermischen. Dabei hat der Betrieb immer Wert darauf gelegt, energetisch autonom zu sein. 20 Megawatt Elektrizität pro Stunde werden in den Kraftwerken aus Holz erzeugt. Von der Jahresmenge könnte ganz Brilon versorgt werden. Und das ist nur die reine Stromleistung. Der Löwenanteil der Energie besteht aus Wärme, die z.B. für die Trocknung von Schnittholz benötigt wird.

Explosion überschattet Geschichte

Für Egger in Brilon gab es nie Stillstand, betonen Karl-D. Kubitz und Martin Ansorge, Geschäftsführer Verkauf bzw. Finanzen/Verwaltung. „Wir investieren jährlich im Wert von Großprojekten.“ Mal 12 Millionen Euro für eine neue Presse, sechs Millionen für ein neues Empfangsforum inklusive Parkplätzen oder aktuell für eine eigene Wasseraufbereitung. Dass Brilon wieder einen Bahnanschluss hat, ist auch der Firma Egger zu verdanken, die sich an den Kosten für den Ausbau des Bahnnetzes zwischen der Firma und Brilon-Wald beteiligte.

Aber es gab auch schwierige Momente: 2010 kommen drei Mitarbeiter bei einer Explosion in einem Heizkessel ums Leben. Im selben Jahr brennt ein Altholzlager tagelang. Börnke: „Der tödliche Unfall hat uns alle nachhaltig beschäftigt. Aber er hat auch gezeigt, dass der Standort und die Gruppe als Gemeinschaft funktioniert haben.“ Auf die nächsten 25 Jahre!

 
 

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