Brilon droht wegen Wildverbiss forstpolitische Blamage

Der Briloner Forstdirektor Dr. Gerrit Bub an einer durch Wildverbiss geschädigten Fichte im Niederwald, die durch Wind oder Schneelast umgeknickt ist.
Der Briloner Forstdirektor Dr. Gerrit Bub an einer durch Wildverbiss geschädigten Fichte im Niederwald, die durch Wind oder Schneelast umgeknickt ist.
Foto: WP
Der Baum brennt: Bis Ende Juni muss der Rat ein Konzept zur Anpassung der Wildbestände vorlegen. Sonst verliert der Stadtforst das PEFC-Siegel.

Brilon..  Am letzten Mai-Wochenende schaut Forst-Deutschland nach Brilon. Dann finden am Prinzenknapp bei Madfeld die 1. Deutschen Waldtage statt. Rund 150 Aussteller werden sich bei dieser Open Air-Event-Premiere der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) präsentieren. Die Vorfreude auf das Großereignis wird aber mächtig getrübt. Denn ausgerecht die Stadt des Waldes, die so stolz darauf ist, über den größten Kommunalwaldbesitz Deutschlands zu verfügen, läuft Gefahr, wegen ihres Umgangs mit dem Wald an den öffentlichen Pranger gestellt zu werden.

Konkret: Der Stadt des Waldes droht der Verlust des sog. PEFC-Siegels. Anlass: Der Briloner Wald weise ein so hohe Wildverbiss-Quote aus, dass eine nachhaltige Waldbewirtschaft und Wertschöpfung nicht mehr erzielbar ist. Bis 30. Juni muss der Rat ein Konzept zur Anpassung der Wildbestände verabschieden.

Die bisher vorgenommenen Maßnahmen, so hat die Stadt es schwarz auf weiß, seien „nicht ausreichend“, um das PEFC-Zertifikat weiterhin führen zu können. Auf 34,30 Euro Verlust pro Festmeter Fichte beziffert der Stadtforst den Verlust durch Verbissschäden. Rund 1328 ha des 7750 ha großen Kommunalwaldes sind betroffen. Die WP sprach mit dem Leiter des Briloner Forstbetriebs, Dr. Gerrit Bub.

Was ist das PEFC-Siegel?

Dr. Gerrit Bub: PEFC steht für: Programme for the Endorsement of Forest Certification Schemes oder „Programm für die Anerkennung von Forstzertifizierungssystemen.“ 70 % der Landeswaldfläche in NRW sind mit dem PEFC-Siegel zertifiziert. Der Forstbetrieb Brilon trägt die Zertifizierungsurkunde seit 2001. Zertifizierungen dienen der Transparenz gegenüber dem Endverbraucher von Holz. Sie verdeutlichen den Willen des Waldbesitzers, seine Waldbestände nach festgelegten, forstlichen Standards zu bewirtschaften.


Was bedeutet das für den Stadtforst?

Mit der Zertifizierungsurkunde übernimmt der Forstbetrieb die Verantwortung, die vorgegebenen Standards in der nachhaltigen Waldwirtschaft einzuhalten. Dazu zählen u. a.: Die Gesundheit des Waldes, die Produktionsfunktion (Wertschöpfung), die Biologische Vielfalt, die Verjüngungsfähigkeit, die Vitalität und die Fähigkeit, gegenwärtig und in Zukunft wichtige ökologische, wirtschaftliche und soziale Funktionen zu erfüllen. Der Forstbetrieb nutzt die Zertifizierung sowohl als Leitlinie als auch als Marketing-In-strument.

Und was für Ihre Holzkunden?

Für die regionalen Sägewerke als die Hauptabnehmer von Rohholz, dient das Zertifizierungssiegel wiederum als Grundlage für die weiterführende Vermarktung von Schnittholz an die Zwischenhändler und Endverbraucher. Sie nutzten das PEFC-Zertifikat, um ihren Kunden gegenüber nachzuweisen, dass das gelieferte Schnittholz aus zertifizierten Waldbeständen, bewirtschaftet nach anerkannten PEFC-Standards stammt.

Welches Signal hat das Siegel?

Allgemeine Vorteile der Zertifizierung sind: Die Zertifizierung fördert das Image des Unternehmens und stellt ein Zeichen für nachhaltiges Wirtschaften dar. Umweltverträgliches, unternehmerisches Denken und Handeln wird firmenintern an die nachfolgende Generation weitergegeben. Es ist ein Zeichen von Seriosität.

Warum steht das Zertifikat für den Briloner Stadtwald auf der Kippe?

Die PEFC-Standards werden nach einem festgelegten Verfahren durch einen unabhängigen Sachverständigen in unregelmäßigen Abständen überprüft. Eine solche Begutachtung fand im Rahmen eines Waldbegangs 2012 im Stadtwald statt. Be-triebsablauf und der Waldzustand standen dabei im Fokus. Seit dem Orkan „Kyrill“ verfolgen wir waldbaulich ein Ziel, das aus unserer Sicht eine geeignete Schnittmenge des öffentlichen Waldbesitzes bildet, um den vielfältigen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Ansprüchen gerecht zu werden. Damit erfüllen wir auch die PEFC-Standards. Unser waldbauliches Ziel lautet: Aufbau eines zukunftsfähigen, standortgerechten, naturnahen, vitalen, stabilen,und ökonomisch ertragreichen sowie ökologisch gesunden, vielfältig strukturierten Dauermischwaldbestandes, der im Wandel des Klimas geringe Anfälligkeit gegenüber biotischen und abiotischen Gefährdungen aufweist.

Was läuft Ihrer Ansicht nach schief?

Der PEFC-Auditor stellte extreme Verbiss- und Schälschäden im Rotwildgebiet und im rotwildfreien Gebiet fest. Die angestrebte hohe Wertschöpfung im Wald werde durch Wildschäden stark beeinträchtigt. 2012 erhielten wir den Auftrag, die bislang von der forstlichen Be-triebsleitung begonnen Bemühungen um angepasste Wildbestände konsequent weiter zu verfolgen. Ein Nachaudit 2014 ergab dann jedoch folgendes: Weitere massive Rotwild-Schälschäden in mehreren Eigenjagdbezirken, Rot- und rotwildfreien Gebieten. Dort findet derzeit Rotwild seinen Einstand außerhalb der Bewirtschaftungsgebiete und geht dort zu Schaden.

Was steht für die Stadt Brilon auf dem Spiel?

Der Verlust des PEFC-Zertifikats wäre aus unserer Sicht für Brilon als Stadt des Waldes und als die größte deutsche kommunale Waldbesitzerin eine forstpolitische Blamage. Um unser Ansehen willen ist es dringend geboten, das Zertifikat zu erhalten. Auf Nachfrage bei unseren Hauptkunden, empfehlen die Sägewerke, darauf hinzuwirken, dass das PEFC-Zertifikat auch zukünftig den Rohholzabnehmern angeboten wird. Hintergrund: Der Anteil an zertifiziertem Schnittholz steigt stetig bei den Sägewerken. Die umweltpolitischen Einflüsse wachsen zunehmend und damit dürfte eine transparente, an Standards orientierte, zertifizierte Waldwirtschaft geknüpft sein. Es gilt, die Vorbildfunktion des öffentlichen Waldes auch zukünftig durch die Einhaltung von Standards deutlich zu machen.

Wie will die Stadt darauf reagieren?

Wir möchten den offenen Dialog mit unseren Bürgern, allen Verantwortlichen der Stadt und der Kommunalpolitik sowie den Jägern führen, um den Erhalt des PEFC-Zertifikats sicherzustellen. Dies erfolgt in Form eines Arbeitskreises. Der Arbeitskreis hat das Ziel, dem Rat der Stadt Vorschläge zu unterbreiten, um auch zukünftig das PEFC Zertifikat führen dürfen. Die Auftaktveranstaltung des Arbeitskreises bildete die öffentliche Exkursion in den Stadtwald am 28. März. Am 20. April berichten Referenten um 17 Uhr im Bürgersaal des Rathauses über die Erfahrungen und Lösungsstrategien in ihren Forstbetrieben bzw. beleuchten das Thema aus wissenschaftlicher Sicht. Themen sind u.a. „Kommunalwald: Von der Pacht in die Eigenjagd“, „Anpassung von Wildbeständen: Sichtweise der Wildforschungsstelle NRW“, oder „Kommunalwald- und Betreuungswald: Wald- und Jagdwende in NRW“. Zu dieser Veranstaltung sind alle Interessenten eingeladen.

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