Auf den Spuren der Marsberger Juden

Vier Stolpersteine gedenken an die Familie Kratzenstein. Sie lebte bis zu ihrer Deportation nach Theresienstadt und Auschwitz in der Bahnhofstraße in Marsberg.
Vier Stolpersteine gedenken an die Familie Kratzenstein. Sie lebte bis zu ihrer Deportation nach Theresienstadt und Auschwitz in der Bahnhofstraße in Marsberg.
Foto: WP
Gegen das Vergessen und Verdrängen: Auch in Marsberg werden Stolpersteine zum Gedenken an die vertriebenen und ermordeten Juden verlegt.

Marsberg..  Die Geschichte der Juden in Marsberg und deren Schicksal ist kein leerer weißer Fleck mehr und längst nicht in Vergessenheit geraten. Dafür gesorgt hat die Historikerin Gudrun Banke. In ihren zwei Büchern „Auf den Spuren der Marsberger Juden“ hat sie den jüdischen Mitbürgern in Marsberg und seinen Dörfern ein Gesicht und ein Gedenken gegeben. 2007 ist der erste Band erschienen, 2010 der zweite. Die Bücher werden Anfang März auch in englischer Sprache erscheinen.

Die Bücher über die Schicksale der jüdischen Familien im Stadtgebiet waren 2009 Grundlage für das Jugendparlament unter Vorsitz von Tim Folcz, die Aktion Stolpersteine ins Leben zu rufen. Jetzt werden wieder Stolpersteine „Wider das Vergessen“ verlegt. Diesmal in den Dörfern.

In 2009 setzte der Kölner Künstler Gunter Demnig im Rahmen seines Kunstprojektes die ersten neun dieser so genannten Stolpersteine in die Bürgersteige vor den Häusern in der Kernstadt, in denen Juden gelebt haben, bis sie dem Nazi-Terror zum Opfer fielen. 2013 verlegte er weitere 14 Stolpersteine und noch einmal vier in Westheim.

Wie berichtet, wird am Dienstag, 17. März, die Aktion Stolpersteine in Marsberg fortgeführt. 15 wird Demnig in den Dörfern vor den Häusern jüdischer Mitbürger verlegen, die dem Holocaust zum Opfer fielen. Einen Tag zuvor verlegt Demnig in Brilon die ersten Stolpersteine, im Juni in Olsberg.

„Dieses dezentralisierte Denkmal soll Namen und Schicksal der Menschen dem Vergessen entreißen, die von den Nationalsozialisten ermordet oder in den Freitod getrieben worden sind“, sagt Tim Folcz.

Messingplatte mit Namen

Diese Stolpersteine sind kleine Pflastersteine, auf deren Oberfläche sich eine Messingplatte mit dem eingravierten Namen, dem Geburtsjahr und dem Schicksal des jeweiligen Menschen befindet. Verlegt werden diese Steine in der Regel im Bürgersteig vor dem ehemaligen Wohnhaus des Opfers. Mittlerweile finden sich über 48 000 Gedenksteine in Deutschland und in vielen anderen europäischen Ländern.

Am 17. März wird Gunter Demnig Stolpersteine in Borntosten, Beringhausen, Canstein, Essentho und Giershagen verlegen. Auftakt der nunmehr dritten Verlegung im Stadtgebiet wird um 9 Uhr an der ersten Verlegestelle in Beringhausen (Bundesstraße 33) sein. Zu einem späteren Zeitpunkt wird mit der Verlegung von weiteren fünf Stolpersteinen das Projekt abgeschlossen werden.

Wer waren diese Menschen, die unter uns gelebt haben, an die sich aber heute kaum noch jemand erinnern kann? „Es waren Menschen wie die Philipps in Canstein“, sagt Gudrun Banke. Robert und Berta Philipp betrieben ein kleines Lebensmittelgeschäft im Haus Kraushaar. Herr Philipp war zudem als Pferdehändler tätig. Das ohnehin bescheidene Einkommen der Familie wurde nach der Machtübernahme der Nazis noch geringer, da nur noch wenige Cansteiner in das jüdische Geschäft kamen. Trotzdem geschah es auch jetzt noch gegen den Willen der Eltern, als sich die ältere Tochter Hilde 1935 zur Emigration in die USA entschloss.

Transport nach Auschwitz

Beim Novemberpogrom 1938 wüteten angetrunkene SA-Männer in der Wohnung und dem Geschäft der Familie. Robert Philipp wurde für mehrere Wochen in „Schutzhaft“ genommen. Trotz großer Anstrengungen in den folgenden Monaten gelang der Familie die Flucht aus Deutschland nicht.

Die inzwischen 16-jährige Tochter Irmgard machte nach 1938 im Jüdischen Krankenhaus in Köln eine Ausbildung zur Säuglingsschwester und arbeitete dort, bis das Krankenhaus aufgelöst wurde. Als 1941 für jüdische Männer Zwangsarbeit angeordnet wurde, wurde Robert Philipp zu Gleisbauarbeiten bei der Bahn verpflichtet. Das schützte ihn und seine Frau zunächst vor der Deportation, aber nicht die Tochter.

Gudrun Banke: „Diese Gefährdung spielte wohl eine wichtige Rolle bei der Heirat von Irmgard Philipp mit dem jungen Metzger Werner Jacob aus Lenhausen, der wie Robert Philipp zur Zwangsarbeit bei der Bahn verpflichtet war. So war die junge Frau zunächst geschützt.“

Als aber Ende Februar 1943 die Deportation der letzten Juden aus dem Sauerland begann, das waren die Zwangsarbeiter und ihre weiblichen Angehörigen, waren auch Berta und Robert Philipp und Irmgard und Werner Jacob betroffen. Am 3. März 1943 kam der Transport in Auschwitz/Birkenau an, wo die SS „selektierte“.

Irmgard Jacob und ihre Eltern wurden dabei als „arbeitsunfähig“ eingeschätzt und sofort in den Gaskammern ermordet.

Nur Werner Jacob überlebte den Holocaust.

 
 

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