Angst vor schwarzer Magie

Vortrag zu den Hexenverfolgungen der Neuzeit mit Hartmut Hegeler, evangelischer Pfarrer im Ruhestand, am Freitag im Obermarsberger Heimatmuseum
Vortrag zu den Hexenverfolgungen der Neuzeit mit Hartmut Hegeler, evangelischer Pfarrer im Ruhestand, am Freitag im Obermarsberger Heimatmuseum
Foto: WP
Zwischen 1588 und 1705 hat es im heutigen Marsberg mindestens 38 Hexenprozesse gegeben. Das wurde deutlich bei einem Vortrag zum Thema Hexenverfolgung in Marsberg.

Marsberg..  Nachdenklich und beeindruckt lauschten mehr als 70 Besucher dem anschaulich illustrierten Vortrag zu den Hexenverfolgungen der Neuzeit, den Hartmut Hegeler, evangelischer Pfarrer im Ruhestand, am Freitag im Obermarsberger Heimatmuseum referierte.

„Zwischen 1500 und 1782 wurden in Europa ungefähr 60 000, in Deutschland etwa 25 000 Menschen unschuldig Opfer von Hexenprozessen“, berichtete Hegeler. Dabei handelte es sich überwiegend um Frauen, aber auch Männer und selbst Kinder waren betroffen. Sie alle wurden eingesperrt, grausam gefoltert und – üblicherweise auf dem Scheiterhaufen – hingerichtet.

Der Focus von Hegelers Vortrag lag insbesondere auf den Hexenprozessen im Marsberger Raum. Obgleich die betreffenden Archive im Dreißigjährigen Krieg verbrannten und dem Theologen nur wenige Quellen zur Verfügung standen, gelangte er zu einem zuverlässigen Ergebnis: „Zwischen 1588 und 1705 hat es im heutigen Marsberg mindestens 38 Hexenprozesse gegeben“, so Hegeler: Mindestens fünf Verfahren mit anschließender, vom Magistrat der Stadt verhängter Todesstrafe fanden in Marsberg statt, eines in Essentho, dieses allerdings mit unbekanntem Ausgang.

13 Angeklagte in Padberg

Weitere 13 Anklagen mit nicht überliefertem Ausgang der Hexerei erfolgten in Padberg. In der Herrschaft Canstein, zu der damals Canstein, Heddinghausen, Leitmar, Udorf und Borntosten gehörte, zählte man schließlich 19 Hexenprozesse, davon neun mit anschließender Hinrichtung namentlich bekannter Angeklagter, verhängt durch das dortige Patrimonialgericht. „Von den zehn weiteren Prozessen lässt sich aufgrund fehlender Akten nicht mehr feststellen, wie sie ausgegangen sind“, so der Pfarrer.

„Schlechte Gesichtszüge“

Als Gefängnis diente in Canstein das heute noch erhaltene Verlies auf dem „Dicken Stein“, ein fensterloser Kellerraum von etwa 12 Quadratmetern Größe. Überliefert ist auch, dass hier mehrere Angeklagte bereits während ihres Verfahrens verstarben, vermutlich durch Nässe, Kälte und Ungeziefer. Das Gericht soll damals angeblich auf dem Burgberg im „Alten Schloss“ getagt haben, in einem heute als Kapelle eingerichteten Raum mit altem Sandsteinboden.

Eine der in Canstein Hingerichteten, so der Pfarrer, war beispielsweise Jutten Grete, in deren amtlichen Anklageschrift es unter anderem hieß: „Man sollte jeden Verdacht von Zauberey vermeiden. Wer den Verdacht der Zauberey auf sich lädt…ist selber schuld, wenn er zur scharfen peinlichen Frage vorgeladen wird“. Aber auch Geständnisverweigerung, Zittern während der Folterung oder „schlechte Gesichtszüge“ und anderes verstärkten schnell den Verdacht des Gerichts.

Über Reiniken Johann aus dem damaligen Stadtberge berichten die Aufzeichnungen, dass dieser 1630 an den Spätfolgen der Folter verstarb. Erwähnt wird auch Josef Ehebrachts Mutter in den alten Archiven, ebenfalls aus Stadtberge, die, da sie 1598 in der „Tortour“ nicht geständig war, wieder in ihr unterirdisches Verlies hinabgelassen und am nächsten Morgen dort tot aufgefunden wurde.

Nachforschungen ergaben, dass der ehemalige Stadtdiener Heinrich Saur dazu angeleitet worden war, „den der Zauberei angeklagten Weibern, wenn sie nicht bekennen wollten, heimlich den Hals umzudrehen, damit es den Anschein habe, der Teufel habe es getan“, berichtet die Quelle. Eine geplante Klage von Sohn und Ehemann beim Landdrost in Arnsberg scheiterte daran, dass dies den Beiden vom Marsberger Magistrat unter Androhung schwerster Strafe verboten wurde.

Als weiteres tragisches Schicksal erwähnte der Pfarrer auch Cunne Cordes aus Essentho: Sie wurde 1648 von der Bevölkerung bezichtigt, Pferde behext zu haben, die plötzlich verstarben. Hegeler erzählt: „Die Einwohner forderten vehement einen Inquisitions-Prozess von der Gerichtsbarkeit, und drohten, die Frau zu lynchen, sollte dem nicht stattgegeben werden.“

Verfolgung in anderen Ländern

Der Pfarrer erinnerte auch daran, dass das Thema Hexenverfolgung bis heute nichts an Aktualität verloren hat: „Auch in der heutigen Zeit gibt es Hexenverfolgung und Angst vor schwarzer Magie, beispielsweise in Indien, Afrika und Südamerika“, so der ehemalige Religionslehrer. Auch Folter gehöre noch immer nicht der Vergangenheit an – wie das Bedürfnis nach Machtausübung oder auch das Verlangen, seine Mitmenschen öffentlich zu diffamieren.

Erfolgreich setzt sich der Seelsorger und Verfasser zahlreicher Publikationen zu diesem Thema seit längerem bei Städten und Gemeinden für die Rehabilitation der vor 350 Jahren unschuldig Verurteilten ein, denn: „Sie gelten bis heute als schuldig im Sinne der Anklage“, stellt Hegeler fest. Auch Gottesdienste sind auf seine Initiative hin gehalten worden, in denen man der brutal Ermordeten gedachte. Er selbst hielt den Hexen-Gedenk-Gottesdienst auf dem ökumenischen Kirchentag in München 2010.

 
 

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