An jüdische Schicksale in Brilon erinnern

Grabstein der Familie Goldberg auf dem jüdischen Friedhof Brilon
Grabstein der Familie Goldberg auf dem jüdischen Friedhof Brilon
Foto: WP
Mit Stolpersteinen soll an jüdische Schicksale während der NS-Zeit erinnert werden - zum Beispiel an die Familie Goldberg aus der Gartnstraße.

Brilon..  „An dem berüchtigten 10. November 1938 kam eine ganze Horde von SA-Leuten in das Haus. Sie räumten die Schränke aus, erbrachen solche, die zugeschlossen waren, zertrümmerten das Porzellan, zerfetzten Kleider und stahlen einen großen Teil des Hausrates“, so beschreibt Dagobert Goldberg nach dem Ende des Krieges das, was seine Mutter Fanny in ihrem Haus in Brilon in der Pogromnacht erlebt hat. Am 11. November verkaufte die jüdische Witwe gezwungenermaßen ihr Haus in der damaligen Adolf-Hitler-Straße Nr. 6.

SA-Leute stürmten das Haus

Es war die Nacht, in der es vielen jüdischen Familien in ganz Deutschland und auch in Brilon ähnlich erging wie der Familie Goldberg. Akribisch recherchiert und dokumentiert haben ihr Schicksal Mitglieder der „Demokratischen Initiative“, die 1988 einen Band über die Juden in Brilon zur Zeit des Nationalsozialismus herausgegeben hat. Darin finden sich viele Dokumente, Familienschicksale und Zeitzeugenaussagen, die viele erschütternde Einblicke geben.

Ausführlich wird darin auch über die Familie Goldberg berichtet. Ihr gehörte das heutige Haus des Gastes - ein stattliches Gebäude in der Gartenstraße. Vater Salomon Goldberg betrieb eine Zementgroßhandlung. Er starb 1929. Die Familie hatte vier Söhne und eine Tochter. Ein Sohn starb schon als Kind. 1933 lebte die Mutter bereits allein in Brilon. Ihre Tochter Lore hatte Kurt Wolff geheiratet und war nach Köln gezogen. Die beiden Söhne Leopold und Dagobert wohnten in Dortmund. 1938 lebte Fanny Goldberg daher allein in dem Haus.

In der Broschüre über die Briloner Juden während der NS-Zeit ist nachzulesen, dass der damalige Bürgermeister offenbar immer wieder auf die Witwe einwirkte, das Haus zu verkaufen. Ihr Sohn Dagobert gab dazu 1949 zu Protokoll: „Er schickte des Öfteren SA-Leute, um mit ihr zu sprechen und ihr Furcht einzujagen.“ Außerdem habe er sie in „der elendsten Weise drangsaliert“. Am 11. November 1938 erschien, so schreibt es Dagobert Goldberg, der Bürgermeister und „sagte ihr, wenn sie jetzt nicht das Haus und das anliegende Grundstück zu einem Preis von R.Mark 20.000 verkaufe, würde er sie in ein Konzentrationslager bringen“. Am 11. November 1938 wurde der Kaufvertrag geschlossen.

Eine Auflistung der Hausverkäufe mit Datum in der Broschüre der Demokratischen Initiative zeigt, dass sich offensichtlich viele weitere jüdische Familie nach dem Terror der Pogromnacht ebenfalls entschieden, ihre Häuser zu verkaufen. Weiter heißt es darin: „Einen angemessenen Preis für ihre Immobilien hatten die Juden, wie Wiedergutmachungsakten zeigen, nur in seltenen Fällen erzielt. Verkauft an die Stadt Brilon wurde am 11. November 1938 auch der Rest der Synagoge, die in der Pogromnacht in Brand gesetzt worden war.

Nach Auschwitz deportiert

Die vier Goldberg-Kinder, die inzwischen alle im Ausland lebten, machten sich natürlich große Sorgen um ihre Mutter. Sie beschlossen, nach Deutschland zu reisen, um sie in Sicherheit zu bringen. Ein Entschluss mit fatalen Folgen: Alfred, Lore und ihr Mann Kurt wurden von der Gestapo verhaftet und nach Auschwitz gebracht, wo sie 1942 vergast wurden. Die Mutter konnte zu ihrem Sohn Dagobert nach Buenos Aires fliehen, wo sie jedoch nur ein Jahr später verstarb. Die Stolpersteine vor dem heutigen Haus des Gastes sollen dazu beitragen, dass die Vertreibung und Ermordung der Familie Goldberg nicht in Vergessenheit gerät.

Insgesamt sollen – auf Initiative des Jugendparlaments – in Brilon 120 Steine verlegt werden, die an die Juden erinnern, die in der Zeit zwischen 1933 und 1945 in Brilon lebten. Eine Übersicht in der Broschüre über Judenverfolgung in Brilon zeigt, dass an 22 Wohnorten jüdische Familien lebten.

Vor Ort überlebt haben die Verfolgung allerdings nur zwei jüdische Frauen, deren Schicksal ebenfalls in dem Band dokumentiert wird.

 
 

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