22 Hessen dürfen endlich NRW-Bürger werden

Foto: WP

Brilon. Jahrzehnte haben 22 Hessen aus Brilon-Bontkirchen auf diesen Tag gewartet. Offiziell werden sie künftig zu Nordrhein-Westfalen gehören. Am Mittwoch wird der Landtag NRW einen Staatsvertrag verabschieden, der das möglich macht.

All der Ärger, all diese verflixten und komplizierten Umstände. Bald gehören sie der Vergangenheit an. Nordrhein-Westfalen, der Hochsauerlandkreis und Brilon heißen am heutigen Mittwoch ihre 22 neuen Mitbürger willkommen.

Eigentlich sind die 22 Menschen ohnehin fest verwurzelt mit ihrem westfälischen Heimatdorf, dem 500-Seelen-Ort Bontkirchen. Ihr Pass weist sie jedoch als Hessen aus, wohnhaft in der Gemeinde Diemelsee-Stormbruch.

Unglücklich verlaufende Landesgrenze

Eine für die Menschen unglücklich verlaufende Landesgrenze trägt Schuld an dieser Misere. Damals, in den fünfziger Jahren, siedelten sich jenseits des Flusses Itter, der die Landesgrenze markiert, einige Bontkirchener an der Willinger Straße an. Das machte aus ihnen Hessen.

Vom Gefühl her jedoch hätten sie sich immer zu Nordrhein-Westfalen zugehörig gefühlt, sagen sie. Die Frauen und Männer sind Mitglieder in den Bontkirchener Vereinen, gehen dort in die Kirche und zur Schule. Sie sind fester Bestandteil der Dorfgemeinschaft.

Schulbesuch problematisch

Allerdings machten ihnen die Umstände das Leben manchmal schwer. "Für den Schulbesuch meiner Tochter in NRW musste ich einen Antrag stellen", sagt Marion Vogtland. Solche komplizierten Behördengänge und Anträge durchsetzten den Alltag der 22 Betroffenen.

Das größte Problem ist allerdings die Postzustellung. Ein Brief, an die eigentlich korrekte Diemelsee-Stormbruch-Adresse, kam nie pünktlich an. Die Sendungen mussten stets neu mit "Brilon" adressiert verschickt werden. Das verursachte einen Zeitverzug von bis zu drei Tagen.

Polizei rückte wieder ab

Und noch mehr: Einmal wurde in die Gaststätte von Maria Lange eingebrochen. Sie alarmierte die Polizei. Die gerufenen Briloner Polizisten rückten jedoch wieder ab. Das sei schließlich eine hessische Angelegenheit, so die Beamten damals. Erst Uniformierte aus Korbach in Hessen nahmen die Ermittlungen auf.

Solche Geschichten, von denen jeder der 22 Betroffenen zahlreiche auf Lager hat, gehören bald der Vergangenheit an. Am Mittwoch werden die 22 Hessen von Bontkirchen offiziell zu Bürgern von Nordrhein-Westfalen. Das Landesparlament wird dem entsprechenden Gesetzesentwurf am Abend zustimmen.

Kosten von 390.000 Euro

NRW wird durch diese Änderung des Staatsvertrages um 14 Hektar größer und um 22 Einwohner reicher. Das kostet die Stadt Brilon 390.000 Euro. Als Ausgleich winken die künftigen Steuereinkünfte der Neu-NRWler.

Eine höchstens verhaltene Erleichterung darüber merkt man den Menschen von der Willinger Straße noch jenseits von NRW an. So recht glauben können sie es nicht. Denn der Weg dorthin über widrige Umstände hinweg hat viel Zeit und Mühe gekostet.

Zäher hessischer Widerstand

Marion Vogtland etwa hat sich seit 1996 vehement für die Angliederung an NRW eingesetzt, Unterschriften gesammelt und Anträge gestellt. Dabei stieß sie auf zähen hessischen Widerstand. "Das hat sich wie Kaugummi hingezogen", erklärt die Bontkirchenerin.

Ortsvorsteher Albert Brüne hat den Gang durch die Instanzen seit den siebziger Jahren begleitet. Dass es doch noch klappt, freut den Bontkirchener ungemein: "Dies hier ist bereits der neunte Versuch, es hinzubekommen. Wir freuen uns über das Gelingen."

Kleines Fest geplant

Auch im Dorf begrüßen die Einwohner die aktuelle Entwicklung. Schließlich befinden sich auf ehemals hessischer Seite der Sportplatz und die Schützenhalle, die nun auch endlich zu NRW gehören. "Wir werden ein kleines Fest veranstalten", verspricht Albert Brüne. In der Schützenhalle von Brilon-Bontkirchen: in Nordrhein-Westfalen.

 
 

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