Tagebuch-Schätze im Internet

Bad Berleburg. Es geht eine unheimliche Faszination von Tagebüchern aus. Bei der Lektüre dieser oft sehr privaten Aufzeichnungen können wir Menschen sehr gut kennen lernen. Wir suchen nach Geheimnissen, Gefühlen und Erlebnissen. Besonderes Ziel der Neugierde sind natürlich Menschen, die wir kennen.

Während man grundsätzlich die Finger vom privaten Geschreibsel anderer Leute, speziell der eigenen Kinder, lassen sollte, gibt es immerhin genügend veröffentlichte Aufzeichnungen von bekannten, berühmten und historisch bedeutenden Persönlichkeiten. Auch diese Schriften offenbaren viel. Die Tagebücher von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels zeichnen beispielsweise das Psychogramm eines Verbrechers, während die Hitlertagebücher belanglos, vielleicht amüsant aber eben vor allem nicht echt, oder besser gesagt professionell gefälscht waren.

Ganz sicher echt und aus der Feder eines bedeutenden Einheimischen sind die Tagebücher des Grafen Ludwig von Sayn zu Wittgenstein, in denen seit ein paar Tagen jeder historisch Interessierte lesen kann. Die sieben Bände aus den Jahren 1596 bis 1605 liegen zwar wohlbehütet hinter dicken Mauern im Fürstlichen Archiv auf Schloss Berleburg, doch der Landschaftsverband Westfalen Lippe (LWL) hat sie in seinem münsterschen Archivamt aufwändig digitalisieren lassen. Im Internet kann man in den hochauflösenden Fotografien der Handschriften blättern, als lägen einem die Schätzen im Schoß.

Wenig Privates

Aber Vorsicht: „Das sind keine herkömmlichen Tagebücher nach dem Muster: Heute ist der 16. Mai, ich habe gut gefrühstückt und gleich kommt der Graf zu Isenburg zu Besuch...“, warnt Historiker Dr. Johannes Burkardt. Der Bad Berleburger arbeitet im NRW-Staatsarchiv in Münster und kennt sich mit Ludwigs Schriften aus. Schließlich ist der Wittgensteiner Graf in vielerlei Hinsicht eine bedeutende Persönlichkeit des 16. Jahrhunderts. „Er war ein hochrangiger Diplomat, sehr gebildet und sprach mehrere Sprachen fließend“, berichtet Burkardt. Ludwig war zwar kurzzeitig Kämmerer des Papstes wandte sich später aber der Reformation zu und führte als Regent dieses Glaubensbekenntnis in seiner calvinistischen Ausprägung in Wittgenstein ein.

Für Heimatkundler enttäuschend für Historiker ein Fundus: „Es findet sich sehr wenig über Wittgenstein darin. Ludwigs Tagebücher sind Brieftagebücher. Das heißt er hat die Entwürfe seiner Korrespondenz dort aufgeschrieben.“ Das ist aufschlussreich, weil der Graf mit herausragenden Persönlichkeiten wie den Reformatoren Heinrich Bullinger oder Rudolf Gwalther in Verbindung stand. Außerdem war er Großhofmeister der Kurfürsten Friedrich III. von der Pfalz, der maßgeblich an der Entstehung des Heidelberger Katechismus beteiligt war.

Religion und Politik

Als einer der führend politischen Köpfe der Reformationsbewegung und einer der bedeutendsten Männer des Wetterauer Grafenkollegiums betrieb Ludwig der Ältere natürlich Machtpolitik, die durchaus religiös gefärbt war. Der Grundsatz „cuius regio, eius religio“ (Der Herrscher bestimmt die Konfessionszugehörigkeit seiner Untertanen) war wichtig. Durch den Protestantismus grenzten sich große, aber auch kleine Territorien – wie Wittgenstein – vom Papsttum und dem Katholizismus ab. Sie emanzipierten sich religiös und weltlich-politisch. Deshalb liefern Ludwigs Briefe auch wichtige Erkenntnisse über die Zeit vor dem 30-jährigen Krieg. Einen Haken hat die Sache dann aber für den interessierten Laien „Das ist etwas für Leute, die keine Angst vor der Lateinischen Sprache und vor theologischen Fragen haben“, sagt Burkardt.

 
 

EURE FAVORITEN