Keltische Bauten in 30-Grad-Winkeln

Patrick Friedland
Die rund zwei Meter hohen Erdwälle der keltischen Wallburg Aue sind noch zu erkennen, ebenso Fragemente von in den Jahren 1932 und 1985 archäologisch erforschten Gebäuden. Steinfußböden und auch behauene Steien finden sich hier
Die rund zwei Meter hohen Erdwälle der keltischen Wallburg Aue sind noch zu erkennen, ebenso Fragemente von in den Jahren 1932 und 1985 archäologisch erforschten Gebäuden. Steinfußböden und auch behauene Steien finden sich hier
Foto: Lars-Peter Dickel
  • Lehrer aus Dotzlar stellt verblüffende Thesen auf
  • Eisenzeitliche Wallanlagen und Kultstätten in exakten geometrischen Formen angeordnet
  • Rüdiger Grebe hofft auf „Identitätsstiftung“ für Wittgenstein und Umgebung

Wittgenstein.  Die häufig nur wenig ausgeprägten Wissenstände von Interessierten erweitern und Unklarheiten ausdiskutieren, das sind zwei wichtige Aufgabengebiete für Lehrer. Wenig verwunderlich also, dass Rüdiger Grebe auch als Pensionär weiter forscht, um in der Wittgensteiner Bevölkerung ein Bewusstsein für erstaunliche topographische Erkenntnisse und die Historie der Region zu schaffen.

Auf der Suche nach Erklärungen

Der frühere Erdkunde- und Geschichtslehrer entdeckte, dass die Kelten in Wittgenstein und dem Umland ungefähr im Zeitraum von 300 bis 100 vor Christus zahlreiche Wallanlagen und Kultstätten errichtet haben. Und dies kurioser Weise immer in Dreieckswinkeln von 30 Grad, dem sogenannten „Tierkreiswinkel“, oder einem Vielfachen von 30 Grad. Dem 64-Jährigen ist bewusst, dass seine Erkenntnisse verblüffen und bei Wissenschaftlern umstritten sind. „Lange durfte man ja gar nicht sagen, dass die Kelten überhaupt hier waren. Da glaubt man eher dem Cäsar, denn der hat ja hier etwas Schriftliches hinterlassen. Dies hat sich mittlerweile aber völlig geändert. Sieht man die Ergebnisse, dann muss hier ein organisiertes Volk gewesen sein“, weiß Grebe, der nun auch im ständigen Diskurs mit Dr. Manuel Zeiler ist.

Dieser ist in der Außenstelle Olpe des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe in der Archäologie-Abteilung tätig und untersucht weiterhin vor allem die Wallburgen auf ihre Anordnung. „Diese Untersuchungen stehen immer noch an ihrem Anfang und bilden ein weites Feld, da ist noch viel zu tun“, erklärt Grebe, „Archäologen, auch Astroarchäologen und Historiker müssten in dieser Sache zusammenarbeiten und interdisziplinäre Erklärungen finden. Es gäbe Möglichkeiten, dies zu forcieren“.

Doch wie gelang es den Kelten, ihre Wallanlagen und Kirchen derart präzise anzulegen? Grebe bescheinigt ihnen eine „hoch entwickelte Kultur“ und geht davon aus, dass sie sich der geometrischen Form eines Hexagons (Sechseck) bedient haben: „Prinzipiell ist das ein einfaches Vorgehen, die Vermessung ging wohl von den Bergen aus.“

Bei der Auflistung aller bisher ermittelten topographischen Erkenntnisse zur Konstruktion handelte Grebe im Übrigen penibel genau: „Ein Grad Abweichung lasse ich noch zu, weil sich technisch in der Darstellung immer mal Abweichungen einschleichen können. Zwei Grad werden aber schon nicht mehr akzeptiert.“

Dass sich diese regelhaften Anordnungen auch woanders finden lassen, davon geht der Hobby-Forscher nach Untersuchung von Gebieten in den Alpen sowie in Oberfranken aus: „Eigentlich ist das ein wunderbar europäisches Thema. Die Kelten waren das erste europadeckende Volk.“

Den Fokus seiner Forschung legt Grebe aber klar auf Wittgenstein, die hiesige Bevölkerung soll sich angesprochen und angeregt fühlen, mit zu diskutieren. „Sonst kommt man in der Forschung ja auch nicht weiter“, weiß er.

Geschichtsbewusstsein stärken

Gerne sollen die Resultate aber dazu genutzt werden, die Identität und das Geschichtsbewusstsein der Region zu stärken. Grebe: „Menschen suchen ja heutzutage verstärkt nach etwas Authentischem und Echtem. Identität kann nur gelingen, wenn man weiß, wo die Ursprünge sind.“ Markiert man die Wallanlagen und Kirchen auf den hiesigen Wanderwegen, verspricht sich der Pädagoge davon auch eine deutliche Aufwertung für Touristen und Wanderer: „Der kulturgeschichtliche Aspekt ist beim Wandern wichtig. Und diese Bauwerke haben eine herausragende Bedeutung für die Landschaft.“ Die Karten finden Sie unter http://www.kelten-wittgenstein.de/karten-auflistungen/.