Gute Bildung lockt junge Familien an

Ingo Schmidt
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Bad Laasphe. Ein wenig mehr Resonanz hatten sich die Wittgensteiner Stadt- und Gemeindeverbände der Grünen schon erhofft, als Sigrid Beer, Bildungspolitische Sprecherin des Landtagsfraktion NRW der Grünen im „Haus des Gastes“ sprach.

40 Interessierte, darunter zahlreiche Lehrer, kamen, um sich über das Thema „Chancen der Schulen im ländlichen Raum – kleine Klassen oder weite Wege“ zu informieren. Sigrid Beer ging in ihren Ausführungen zunächst auf die veränderten Bedingungen ein, auf die sich die Bildungspolitik einzustellen habe: „Es gibt eine Risikogruppe von Schülern, die auf dem Stand der vierten Klasse stehen bleibt“, erklärte die 56-Jährige, „und das sind rund 20 Prozent von allen.“ Darüber hinaus gebe es inzwischen eine Vielzahl an Patchwork-Familien und Alleinerziehenden. „All das sind Faktoren, die über viele Jahre missachtet wurden, und auf die sich die Kitas, U3-Einrichtungen und Schulen einstellen müssen.“ Erst seit PISA sei man in der Realität angekommen.

Nach PISA aufgewacht

Insbesondere auf dem Lande sei die Bildung vom Kindergarten bis zur weiterführenden Schule ein entscheidender Standortfaktor, um auch künftig noch junge Familien anlocken zu können. Hierbei mache allem vorweg der demografische Wandel eine Umstrukturierung notwendig. Kern dieses Schulkonsens, der im vergangenen Sommer beschlossen wurde, sei die neue „Sekundarschule als Schule des gemeinsamen Lernens“, erklärte die Landespolitikerin. Durch Kooperationen mit Gesamtschulen und Gymnasien soll die neue Schulform auch den veränderten Job-Anforderungsprofilen gerecht werden. „Was früher der Automechaniker war, ist heute der Mechatroniker, und selbst Friseurinnen müssen heute Kenntnisse in Biochemie vorweisen“, führte Sigrid Beer aus. Hinzu komme, dass das Land NRW 1 700 weitere Stellen geschaffen habe, um kleinere Eingangsklassen zu ermöglichen und dem Lehrermangel entgegenzuwirken.

In der anschließenden regen Diskussion hatten die Zuhörer dann die Gelegenheit, ihre Fragen an die Bildungsexpertin zu stellen: Hier machte Beer deutlich: „Es kann nicht jeder Schulstandort gerettet werden, weil auch die Qualität stimmen muss.“

Viele Fragen

Auch die Problematik der Schulpendler wurde thematisiert. „90 Minuten Fahrtzeit für beide Wege zusammen sind zumutbar“, so Beer. Darüber hinaus sei im Fall von Wittgenstein ein regionaler Konsens mit den Nachbarkommunen anzustreben, der darauf abzielt, einpendelnde Schüler in die eigene Kalkulation mit einbeziehen zu dürfen. Eine Lehrerin aus Erndtebrück hatte bemängelt, der Schulentwicklungsplan habe deutlich darauf hingewiesen, eine Sekundarschule anzusteuern. „Wir werden aber weder die geforderten 75 noch 50 Schüler zusammenbekommen, wenn wir einpendelnde Schüler nicht mitzählen dürfen“, so die Pädagogin.

Eine vollkommen neue Problematik für die NRW-Politikerin schilderte Torsten Spillmann, Bürgermeister der Stadt Bad Laasphe: „Wir haben hier viele Schüler aus Hessen, die in keiner Statistik auftauchen. Würde ein solcher Konsens auch länderübergreifend möglich sein?“ Diese Frage notierte sich Sigrid Beer, um sie in Düsseldorf zu klären. Schließlich landete noch die Frage nach der Umsetzbarkeit der Inklusion, also der gemeinsamen Beschulung von Behinderten und Nicht-Behinderten auf dem Tapet. „Wir müssen die Studienkapazitäten für Sozialpädagogen ausweiten und Zusatzqualifikationen für Pädagogen anbieten“, so die 56-Jährige, „denn fest steht, dass alle von der Inklusion profitieren.“ Die Aufgabe der Schulpolitik bestehe nun darin, zu zeigen, wie das gehe.

Ob all diese Veränderungen ausreichen, um den ländlichen Raum nach vorn zu bringen, konnte Sigrid Beer nicht beantworten. „Wir werden uns vergewissern und die Qualität nachhalten müssen“, antwortete sie und lud die Wittgen-steiner zu einem Besuch nach Düsseldorf ein.