Geschätzt jedes siebte Kind in Wittgenstein lebt in Armut

Heiko Boumann, Diplom-Psychologe und Psychotherapeut, und Benjamin Bartels, Vorsitzender der Linken in Bad Berleburg, sprechen mit Redakteur Lars-Peter Dickel über Kinderarmut (von links).
Heiko Boumann, Diplom-Psychologe und Psychotherapeut, und Benjamin Bartels, Vorsitzender der Linken in Bad Berleburg, sprechen mit Redakteur Lars-Peter Dickel über Kinderarmut (von links).
Foto: WP
  • Die Linke will Kinderarmut in Wittgenstein bekämpfen
  • Umfrage an weiterführenden Schulen soll konkrete Zahlen liefern
  • Partei übt Kritik an den anderen Parteien wegen fehlender Unterstützung

Wittgenstein.  Armut ist kein Phänomen der Großstädte. Auch auf dem Land und in Wittgenstein sind Kinder und Jugendliche die Hauptleidtragenden von Armut. „Wir schätzen, dass jedes siebte Wittgensteiner Kind im Kita- und Grundschulalter in relativer Einkommensarmut leben muss“, schreibt Die Linke in einer Pressemitteilung. Nur, genaue Zahlen gibt es - vor allem für Wittgenstein nicht. Das möchte der Ortsverband Wittgenstein der Partei Die Linke ändern.

Politik stelle sich taub und stumm

Im Gespräch mit unserer Redaktion machen Heiko Boumann (Bad Laasphe) und Benjamin Bartels (Dotzlar) deutlich, „Kinderarmut ist ein Skandal“, um den sich alle politischen Kräfte kümmern müssen: „Viele Politiker stellen sich blind, taub und stumm. Es ist zynisch, sich auf den Schwächen anderer auszuruhen.“ Schon nach der ersten Umfrage in Kindergärten und Grundschulen hätten die anderen Parteien in Wittgenstein mit der Linken über Lösungen diskutieren wollen. „Dieses Versprechen wurde nicht eingelöst“, wirft Boumann den anderen Parteien in Bad Berleburg, Bad Laasphe und Erndtebrück vor.

Um das Problem Armut noch greifbarer machen zu können, startet Die Linke jetzt zum zweiten Mal eine Umfrage. Diesmal richtet sie sich vor allem an Kinder und Jugendliche ab elf Jahren, also die Altersgruppe in den weiterführenden Schulen Wittgensteins.

„Jugendliche erleben Armut anders“, sagt Boumann. Nachdem der Bad Laaspher Psychotherapeut und Sozialpädagoge Boumann bereits im Juni vergangenen Jahres eine Untersuchung zur Kinderarmut in Wittgenstein in den Kindergärten und Grundschulen angestoßen hatte, will der Linken-Politiker mit dem Arbeitskreis Kinderarmut jetzt mehr herausfinden. „Wir wollen wissen, wie die Wahrnehmung der Schulleitungen ist“, so Boumann.

Scham und Ausgrenzung

Der Psychologe weiß, dass es regionale Unterschiede in der Ausprägung und der persönlichen Wahrnehmung von Armut gibt. „Soziale Netzwerke auf dem Land sind stärker geknüpft“, sagt er. Aber gleichzeitig erhöhe sich auch die Schamschwelle. Das heißt, die Menschen versuchen, ihr Armut zu verbergen. Das führt zur Vereinzelung.

Der neue Vorsitzenden des Ortsverbandes Die Linke, Benjamin Bartels, greift den Faden auf. Es gebe zwar mehr Zusammenhalt durch Vereine, aber irgendwann können Mitgliedsbeiträge nicht bezahlt werden, oder die Fußballschuhe für wachsende Kinder kosten zu viel Geld. Hinzu komme, dass es an Schule zwar Lernmittelfreiheit gibt, aber der soziale Druck steige, „wenn in Elternkonferenzen entschieden wird, dieses Buch kaufen wir den Kindern.“

Ghettobildung

Bartels warnt auch vor eine auch auf dem Land zunehmenden Ghettoisierung von ärmeren Menschen. Die aufgrund von Hartz-VI-Sätzen nur Kaltmieten von 4 bis 4,50 Euro bezahlt bekommen. Auch die fehlende ÖPNV-Infrastruktur begünstigt dies. Schüleressen oder Kindergartenfrühstück seien genauso wie das kostenlose Schülerticket keine Lösung, sondern aus Sicht von Bartels und Boumann lediglich „Alibiprojekte“. Die Linke will deshalb aufgrund der allerdings noch ausstehenden Ergebnisse ihrer Umfrage mit allen politischen Kräften eine „Armutsbekämpfung von Grund auf“ erarbeiten.

 
 

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