Es gibt keinen besseren Ort,

Christiane Sandkuhl
Seinen Arbeitsplatz, den Richtertisch, überließ Amtsgerichtsdirektor Olaf Wunderlich (l.) gern der Kriminalität und genoss als Zuhörer das menschliche Grauen aus den Federn von Óttar M. Nordfjörd (3. v.l.) und Viktor Arna Ingólfsson (4. v.l.). Mit im Bild Monika Kuhli (r.) und Hartmut Mittelstädt.
Seinen Arbeitsplatz, den Richtertisch, überließ Amtsgerichtsdirektor Olaf Wunderlich (l.) gern der Kriminalität und genoss als Zuhörer das menschliche Grauen aus den Federn von Óttar M. Nordfjörd (3. v.l.) und Viktor Arna Ingólfsson (4. v.l.). Mit im Bild Monika Kuhli (r.) und Hartmut Mittelstädt.
Foto: WP
Wo könnte man besser ein Verbrechen aufklären, als in einem Gerichtssaal? Óttar Nordfjörd und Viktor Arnar Ingolfsson nahmen ihr Publikum im Rahmen des Literaturpflasters mit auf eine spannende Tätersuche durch Island.

Bad Berleburg.  (cs) Dass in Gerichtssälen ausschließlich das Gesetz zu Wort kommt und dort Richter, Anwälte, Zeugen und nicht zuletzt Angeklagte oder Beklagte zu Recht und Ordnung finden sollen, ist hinlänglich bekannt. Ein Novum erlebte nun allerdings das Amtsgericht in Bad Berleburg: eine Kriminacht mit zwei isländischen Schriftstellern - Es gibt keinen besseren Ort für Verbrechen, Inspizieren von Tatorten und Klärungen ungereimter Vorfälle.

Viktor Arnar Ingolfsson (56) und sein „Kollege“ Óttar M. Nordfjörd (31) kamen nicht allein. Ihr Begleiter Hartmut Mittelstädt, Dozent für isländische Kultur und Sprache an der Universität Greifswald, stand ihnen in Übersetzungsfragen im bis zum Bersten gefüllten Gerichtssaal zur Verfügung. Die beiden Krimiautoren sind die Vorboten der Frankfurter Buchmesse und hielten die erste Lesung im Rahmen des 18. Berleburger Literaturpflasters. Ein Staraufgebot isländischer Autoren macht in Berleburg Station, was für das kleine Städtchen eine sehr große Ehre ist. Nicht umsonst trägt Óttar Nordfjörd in seiner Heimat den Titel „Islands Kronprinz der Kriminalerzählung“.

Beide Schriftsteller verstehen sehr gut Deutsch, zudem ist der gelernte Bauingenieur Viktor Ingólfsson ein Deutschlandkenner und weiß mit vielen sprachlichen Tricks nicht nur die isländische Leserschaft mit seinen humorvollen Ideen im Rahmen der Mördersuche in seinen Bann zu ziehen. In Deutschland haben beide in Krimi-Insiderkreisen einen hervorragenden Namen.

Gänsehautgefühl entstand bei den Zuhörern bei der Präsentation beider Werke „Sonnenkreuz“ (Nordfjörd) ebenso wie bei V. Ingólfssons Thriller „Das Rätsel von Flatey“.

Ein Ritualmord?

Der Philosoph Óttar Nordfjörd bedient sich in seinem monumentalen „Sonnenkreuz“ besonderer stilistischer Mittel. Ein Mord geschieht. Der Archäologe Baldur Skarphedinsson wird auf grauenhafte Weise in seinem Haus getötet. So auch sein Hausmädchen Embla, das zur falschen Zeit am falschen Ort war. Nach Beweislage ein Ritualmord. Acht tote Katzen in einem Sack, davon ein vom Rumpf abgetrennter Schwanz geben den Kriminalisten zunächst Rätsel auf. An dieser Stelle fügt der Autor raffinierte Rückblenden ein, und zwar 1000 Jahre zurück in die Wikinger-Vergangenheit und in die Zeit, als sich die ersten Siedler das Eiland zu eigen machten und es so weit kultivierten, um dort leben zu können. Dem Publikum wurde durch Hartmut Mittelstädt im Rahmen der deutschen Lesung von Monika Kuhli (Buchhandlung MankelMuth) auch landeskundliches Wissen vermittelt.

Um solch einen Roman zu verfassen und den Leser erschaudern zu lassen, hat Óttar Nordfjörd Enormes geleistet. 200 Literaturwerke über die Wikinger, ihre Landeroberungen, Seewege und ihre eigentümliche Lebensführung spornten den jungen Mann zu einem wahrhaftigen Denkmal isländischer Krimiarbeit an. Es fesselt und ist unbedingt lesenswert, nicht allein der Handlung wegen, der Aufbau scheint hier den Reiz am Psychopathischen auszumachen.

Geheimnisvolle Schrift

Nicht minder aufgerüttelt wurden die Krimifans durch V. Ingólfssons „Das Rätsel von Flatey“. Eine uralte, 240-seitige Handschrift auf Kälberhaut inspirierte den Autor zu dem gruseligen, blutrünstigen Buch. Ein unter falschem Namen durch Island reisender und seit Monaten vermisster dänischer Handschriftenspezialist wird schließlich auf einer kleinen unbewohnten Insel vor Flatey tot, in halbverwestem Zustand in seinem grünen Anorak aufgefunden. Anhaltspunkt für die Ermittler ist das Hintergrundwissen um einen mittelalterlichen Kodex, dem der Forscher auf der Spur schien. Sieben Tage im Juni 1960 werden hier zur besten Unterhaltung, regen zum Forschen an und malen ein teils witziges, aber vor allem intensives Sittenbild der Isländer. Ingólfsson legt falsche Fährten aus und streut pikante Andeutungen und immer wieder Inhalte der alten Handschrift, dem Flateyjarbók, ein.

Hartmut Mittelstädt gab zu bedenken, dass Island ein Leseland en gros ist. Lediglich 320 000 Einwohner hat das „Sagenhafte Island“, wobei der Schriftstellerverband des Landes allerdings 400 Mitglieder zählt.