Ein sehr spezieller Blickwinkel auf die historischen Fakten

Bad Berleburg..  „Die Gender Studies beschäftigen sich als Disziplin mit dem Verhältnis von Geschlecht zu Kultur, Gesellschaft sowie Wissenschaften. Dabei fragen sie sowohl, wie das Geschlecht menschliche Gemeinschaften prägt, als auch, wie es wiederum von ihnen geformt wird. Der Fokus liegt dabei auf Fragen nach Hierarchie, Differenz, Rollen und Stereotypen von, zwischen und über Geschlechter.“ Das sagt Wikipedia über den Begriff „Gender Studies“, der im direkten wie im übertragenen Sinn in Wittgenstein ein Fremdwort ist. Umso interessanter, dass es jetzt einen Aufsatz gibt, in dem es gleichzeitig um Gender-Forschung und Wittgenstein geht.

Gräfin Hedwig Sophie im Mittelpunkt

Vollends verrückt wird die Geschichte, wenn der Artikel in einem Buch mit dem Titel „Gender im Pietismus - Netzwerke und Geschlechterkonstruktionen“ erscheint und dann auch noch von einem Mann geschrieben wurde. Dieser Mann ist Dr. Ulf Lückel, aus Girkhausen stammender Marburger Kirchenhistoriker, sein Thema „Überschreitungen von Geschlechter- und Standesgrenzen: Die fromme Gräfin Hedwig Sophie zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg (1669 bis 1738) und ihr pietistischer Hof in Berleburg“.

Dass Ulf Lückel ein absoluter Experte für die Wittgensteiner Kirchengeschichte und die fürstlichen Häuser derer zu Sayn-Wittgenstein ist, ist unbestritten. Dass er jedoch aus diesem sehr speziellen Blickwinkel auf die Materie und die historischen Fakten schaut, überrascht. Genau deshalb lohnt sich die Lektüre seines Aufsatzes im Buch „Gender im Pietismus“, das von Pia Schmid herausgegeben, im Verlag der Franckeschen Stiftungen Halle erschienen und im örtlichen Buchhandel unter der ISBN 978-3-447-10385-5 erhältlich ist.

Mal ganz abgesehen von der lohnenden und spannenden Frauenfigur im Mittelpunkt des Aufsatzes: Gräfin Hedwig Sophie, über die der Birkelbacher Pfarrer Gottfried Webeling nach ihrem Tod schrieb: „Wo ist die Mutter doch, die es so gut und mehr als mütterlich mit allen hat gemeinet? Was Wunder, dass nun auch von jedermann ihr bitt’re Todesfall wird bitterlich beweinet. Doch was? Sie lebt, drum hemmt die Tränenflut. Da ihre hoher Geist in Sohn und Enkel ruht. Sie lebt, da sie nun jetzt vor Gottes Throne prangt und nach dem Kampf den Sieg von Jesu hat erlangt.“ Das Zitat hat Ulf Lückel natürlich für seinen Aufsatz herangezogen. Einen Text von ihm zu lesen, ist immer ein Gewinn, aber man kann ihn in der Zukunft auch noch in Lebensgröße sehen und hören. Beim Tag der Westfälischen Kirchengeschichte in Freudenberg.

Zwei Veranstaltungen

Am Freitag, 11. September, spricht er ab 16.30 Uhr im Tillmann-Siebel-Haus, Krottorfer Straße 37, über „Die Wittgensteiner Pietisten und ihre Beziehungen nach Halle und Herrnhut“. Am Samstag, 12. September, referiert ein weiterer Wittgensteiner beim Tag der Westfälischen Kirchengeschichte. Ab 11.30 Uhr lautet im Freudenberger Tillmann-Siebel-Haus das Thema von Dr. Johannes Burkardt: „Das Jung-Stilling-Denkmal in Hilchenbach“.

 
 

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