Die Arthrose wird „weggepustet“

Die 12-jährige Appenzeller-Hündin Asta hat Probleme mit den Gelenken. Sie wird von Jürgen Löcherbach mit VetDrop behandelt.
Die 12-jährige Appenzeller-Hündin Asta hat Probleme mit den Gelenken. Sie wird von Jürgen Löcherbach mit VetDrop behandelt.
Foto: WP

Hamburg/Erndtebrück..  Man könnte meinen, Asta, die Appenzeller-Hündin, freut sich auf ihren Arzt-Besuch. Sie hält schon mal die Pfote hin. Vielleicht liegt es daran, dass sie keine Spritze fürchten muss. Seit knapp fünf Jahren ist bei verschienenen Tierärzten in Deutschland eine Behandlungsmethode in der Erprobung, die vielen Pferden und Haustieren Spritzen und die dauerhafte Gabe von Medikamenten, vor allem aber deren Nebenwirkungen ersparen kann. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass bei verschiedenen Erkrankungen sogar deutlich bessere Heilungschancen bestehen als mit einer herkömmlicher Therapie.

Eigentlich sieht das, was der Erndtebrücker Veterinär Jürgen Löcherbach da in der Hand hält , eher aus wie eine Farbspritzpistole. Und in der Tat ähnelt die Gerätschaft auch in der Anwendung dem Malerwerkzeug. Ein Kompressor erzeugt Sauerstoff. Zur Anwendung kommen aber in der „Pistole“ keine Farben, sondern Arzneien, die speziell für dieses „Drug Delivery System“ aufgearbeitet wurden.

Hoch angereichert mit Sauerstoff werden die Arzneimittel punktgenau auf die Stellen aufgebracht, wo sie benötigt werden. Und weil die so genannten „Carrier“, die Transporteure der Medizin, nur eine Tröpfchengröße im Mikrobereich haben, sind sie auch in der Lage, Hautschichten zu durchdringen und in der Tiefe zu wirken. Beispielsweise bei Arthrose.

„Die Methode kommt eigentlich aus der Human-Medizin und befindet sich dort im Zulassungsprozess“, erläutert Friedrich von Hahn, Geschäftsführer der Meddrop GmbH in Hamburg. „Wir haben dann bei Schafen geschaut, was wir damit an strukturellen Therapien erreichen können. Die Universität Zürich hat dazu eine Studie angelegt, deren Ergebnisse jetzt nach und nach veröffentlicht werden.“ Bei der Behandlung von Arthrose wurden verblüffende Ergebnisse erzielt, nämlich positive Veränderungen der Knorpelmasse. Der erste Mediziner, der sich das in Deutschland für seine Kleintierpraxis zu Nutze machte, war der Erndtebrücker Veterinär Jürgen Löcherbach. Der hat seit 2008 rund 400 tierische Patienten behandelt.

„Bei einer Arthrose kann man normalerweise maximal einen Stillstand erreichen, auf gar keinen Fall aber eine Besserung“, kennt der 58-Jährige die Probleme dieser Erkrankung aus langjähriger Erfahrung. Die Symptome der chronischen Erkrankung konnten bislang nur durch dauerhafte Gabe von Schmerzmitteln behandelt werden - erkauft mit einer hohen „systemischen Belastung“, sprich Nebenwirkungen auf den Magen-Darm-Trakt, Nieren, Leber oder Herz. Mit der neuen Behandlungsmethode sind dem Tiermediziner die chronischen Fälle aber so gut wie ausgegangen. Denn durch die Neubildung von Knorpel verschwinden die typischen Symptome bei Arthrose, nämlich die dauerhaften Schmerzen, die bei Tieren zum Lahmen führen, völlig. Und bei Entzündungen der Gelenke oder Sehnen beschleunige die Therapie die Abheilung erheblich.

„Nach einigen Behandlungen liefen Pferde wieder, die mit einer schulmedizinischen Behandlung reif für den Schlachter gewesen wären“, hat er festgestellt. Rund 90 Prozent aller Erkrankungen des Bewegungsapparats, aber auch 50 Prozent aller Hauterkrankungen ließen sich mit den unterschiedlichen Präparaten in den Griff bekommen - und das „praktisch nebenwirkungsfrei“.

Auch für Humanmedizin geplant

Auf Gegenliebe stößt die neue Behandlungsmethode zwar bei Tierbesitzern, nicht aber in allen Bereichen der Pharmaindustrie. „Wir brauchen nur einen Bruchteil der in der normalen Schmerztherapie angewandten Wirkstoffe – bei einem 20 Kilo schweren Hund vielleicht ein Achtel, bei größeren Tieren klafft die Schere noch weiter auseinander, weil die Anwendung ja nur punktgenau erfolgt“, schildert von Hahn, warum man dort der Neuerung skeptisch gegenüber steht, obwohl die Erprobung mittlerweile abgeschlossen ist und im Frühjahr die ersten Seriengeräte auf den Markt kommen.Die Pharmabranche wird sich deshalb auch nicht unbedingt freuen, wenn sein Unternehmen die geplante Zulassung für die Humanmedizin erhält. Auch für menschliche Arthrose-Patienten wäre das sicher ein großer Gewinn.

 
 

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