Deutlich mehr als nur Trostpflaster-Musik

Trotz Eiseskälte lauschig, pfiffig, fulminant: die Konzert-Atmosphäre in der Aula des Schulzentrums.
Trotz Eiseskälte lauschig, pfiffig, fulminant: die Konzert-Atmosphäre in der Aula des Schulzentrums.
Foto: WP
Kälte und Dauerregen – also findet das Open-Air-Konzert der Philharmonie Südwestfalen zum fünften Mal unter dem Aula-Dach statt. Obwohl es auch dort nicht viel wärmer war.

Bad Berleburg..  Es ist immer wieder ein Erlebnis für die Musikfreunde in der Odebornstadt, wenn es heißt: Die Philharmonie Südwestfalen gibt sich die Ehre. Die Planung und die Erwartung lagen auch in diesem Jahr auf dem Open-Air-Konzert im Schlosshof, doch Kälte und Dauerregen haben zum fünften Mal in Serie den Frischluft-Fanatikern einen Strich durch die Rechnung gemacht – und die Veranstaltung in die Aula des Bad Berleburger Schulzen­trums gezwungen.

Lauschige Atmosphäre – aber eiskalt

Charles Olivieri-Munroe ist nun schon seit vier Jahren Orchester-Leiter – schwungvoll, peppig und erfrischend im Umgang mit Publikum und Musikern wie auch in der Art, die ausgewählten Werke zu präsentieren. Er gibt dem dunkelsten Wolken-Aufzug und der Wetter-Tristesse sonnige Stimmung. Und so galt es dann dem recht nüchternen Ambiente der Aula eine lauschige, pfiffige und fulminante Atmosphäre aufzuerlegen. Denn in einem fühlten sich die Zuhörer je nach Sitzplatz sicher reichlich unwohl: Die Temperaturen waren arktisch – bei einer auf „Eiskalt“ gedrehten Klima-Anlage. An diesem Punkt sollten die Verantwortlichen nachhaken. Denn notwendig ist derartiger Durchzug nicht gewesen.

Wettgemacht wurde dies alles natürlich von zauberhaften Kompositionen. Mit der „Ankunft der Königin von Saba“ aus dem Oratorium „Salomon“ schritt ein himmlischer Händel in die Konzerthalle. Mehr als Trostpflaster-Musik, viel mehr als Schönwetter-Mache, heroische Einleitung für das Thema, unter dem der Abend stand: Heldinnen, ihre Leiden, ihre Liebe und die Leidenschaften durchfegten die Gemüter. Schüttelten, durchfluteten mit gleißendem Licht der Klänge. Solistin war Lea Kristina Hamm. Die junge Klarinettistin aus den eigenen Reihen der Philharmoniker widmete sich einer besonderen Konzertgattung. „The Beggar“ für Klarinette und Streicher vom Schweizer Komponisten Franz Tischhauser gab Lea Kristina eine überwältigende Kostprobe ihrer Kraft, ihres tief musikalischen Könnens und der Fähigkeit, dem schmeichelhaften Instrument eine gefühlsbetonte Ernsthaftigkeit zu verleihen. Tischhausers Leidenschaft waren bisweilen skurrile Themen, gepaart mit derben humoristischen Zügen. So auch beim dargebotenen Werk.

Erkennen Sie die Melodie?

„Ouvertüre aus der Oper Donna Diana“ – wer kennt es nicht? Aufmerksame, allerdings reifere Zuhörer in der Aula haben es sofort wieder im Ohr: Es ist die Erkennungsmelodie der vom ZDF von 1969 bis 1985 ausgestrahlten Sendung „Erkennen Sie die Melodie?“ mit dem immer charmanten Österreicher Ernst Stankovski. Emil Nikolaus von Reznicek widmete auch dieser Heldin einprägsame Takte. Eine komische Oper, die eine Kombination aus Stolz und Liebe mit Wiener Charme und spanischem Kolorit darbietet – eine wahrhaft gelungene Aufführung in Berleburg.

Bedrich Smetana kennen schon Fünftklässler. Er wie kein anderer beschrieb mit seiner „Moldau“ den Fluss von der Quelle bis zur Mündung. Es gibt allerdings auch Unscheinbareres, doch nicht minder bedeutungsvolles. Kritische Blicke im Raum, als Charles Olivieri-Munroe den Inhalt kurz erläutert. Sarka ist eine Amazonen-Königin, die der Männerwelt Rache geschworen hat. Als Köder lässt sie sich an einen Baum binden, „verführt“ so Prinz Ctirad, lässt sich von ihm befreien. Er verliebt sich in sie, heiratet sie. In der Hochzeitsnacht geschieht es dann: Sarka ruft mit ihrem Horn die Amazonen heran und diese führen den Männermord herbei. „Heldinnen“ – ja, das machte nicht nur den Damen im Publikum Spaß. Die Geschichte hat derer so viele. Und viele werden so herrlich mit diabolischem Flair bedacht in den Kompositionen – mit Rachsucht, Intriganz im Verfolgen der Ziele.

Ganz anders „großartig“

Frauen können wirklich auch ganz anders „großartig“ sein. Daraus konnten donnernde Melodien geschaffen, explosive Musikbilder gezeichnet werden. Selbst George Bizet konnte sich der Weiblichkeit, ihrem Heldenhaften nicht erwehren und schuf mit der „Carmen-Suite Nr. 1“, den größten Opernerfolg der Weltgeschichte, den er leider nicht mehr in seiner ganzen Fülle erlebte. Zunächst wurde das Werk abgelehnt aufgrund seiner Milieu-Schilderung, später verehrt wegen der Dramatik und der schicksalhaften Tragik.

Die Südwestfälische Philharmonie hat es erneut geschafft, mit einem schelmischen Charles Olivieri-Munroe und genialer Solistin Lea Kristina Hamm die Menschen im wahrsten Sinn des Wortes von den Hockern zu reißen. Stehende Ovationen und brausender Applaus an einem kalten Sommeranfang.

EURE FAVORITEN