Bahnstrecke in Bad Laasphe nach Zugunglück wieder frei

Matthias Böhl und Christoph Vetter
Der Zug prallte auf einen Lastwagen. Beide verkeilten sich ineinander.
Der Zug prallte auf einen Lastwagen. Beide verkeilten sich ineinander.
Foto: Matthias Böhl
32 Menschen sind bei einem Zugunglück bei Bad Laasphe verletzt worden. Der Regionalzug war am Samstag auf einen Sattelschlepper geprallt, dabei sprang der Zug aus den Schienen. Am Montagmorgen waren die Untersuchungen der Polizei abgeschlossen: Die Bahnstrecke ist wieder frei.

Saßmannshausen. Nach dem Zugunglück mit 32 Verletzten am Samstag in Bad Laasphe (Kreis Siegen-Wittgenstein) ist die Bahnstrecke inzwischen wieder frei. Die Untersuchungen vor Ort seien abgeschlossen, sagte ein Polizeisprecher am Montag. Der Zug war an einem unbeschrankten Bahnübergang mit einem Lkw zusammengestoßen. Dessen Fahrer hatte das rote Warnlicht missachtet. Sobald er sich von seinen schweren Verletzungen erholt habe, solle der Lkw-Fahrer zu den genauen Umständen des Unfalls befragt werden, sagte der Sprecher. Den Zugführer treffe keine Schuld. In den nächsten Tagen sollten zudem der Fahrtenschreiber des Lasters und die Blackbox des Zuges ausgewertet werden.

Bild des Grauens

Es war ein Bild des Grauens. „Wie kann da jemand lebend rauskommen?“ fragten sich die Rettungskräfte bei einem der schwersten Unglücke der vergangenen Jahrzehnte in Südwestfalen. Im „Hopfengarten“ in Saßmannshausen bei Bad Laasphe war an einem unbeschrankten Bahnübergang ein Sattelschlepper mit der Kurhessenbahn kollidiert. 32 Menschen wurden bei dem Unglück verletzt, fünf davon schwer, der Fahrer des Lkw schwebte am Sonntag noch in ­Lebensgefahr.

Mehr als 120 Einsatzkräfte waren stundenlang mit der Rettung der Verletzten und der Bergung von Zug und Lkw beschäftigt. Unter den Fahrgästen war auch eine Gruppe von Mountainbikern, die in Erndtebrück aussteigen wollte, um über Lützel von der Ederquelle zurück in ihren Wohnort Sterzhausen im Kreis Marburg-Biedenkopf zu radeln.

Leitstelle löst Großalarm aus

„Um 9.30 Uhr ging der Notruf bei uns ein“, berichtete Polizeipressesprecher Uwe Weinhold. Da viele Verletzte gemeldet worden waren, löste die Leitstelle sofort Großalarm aus. Es dauerte nur wenige Minuten, bis Rettungsdienst und Feuerwehren aus Bad Laasphe und Feudingen am Unglücksort eintrafen. Zufall: Die Kameraden saßen gerade bei einer Fortbildung in Bad Laasphe und waren sofort einsatzbereit. Hinzu kamen Rettungskräfte aus dem gesamten Kreisgebiet und Hessen sowie zwei Rettungshubschrauber aus Siegen und Köln.

Zug sprang aus den Schienen

Alle Zuginsassen erlitten Prellungen. Sie wurden durch DRK-Mitarbeiter und Malteser-Helfer versorgt. Zusätzlich waren auch Rettungskräfte aus Marburg-Biedenkopf und dem Lahn-Dill-Kreis vor Ort. Während schwerer verletzte Menschen auf Krankenhäuser der Umgebung verteilt wurden, kamen die anderen mit einem Bus zum Bad Laaspher Feuerwehrhaus, wo sie mit Speisen und Getränken versorgt und durch Notfallseelsorger betreut wurden.

Zurück zum Unglücksort: Führerhaus und Auflieger des 38-Tonners waren auseinandergerissen, zwischen beiden klemmte der entgleiste, erste von zwei Bahnwagen. Mehrere Tonnen Eisen waren ineinander verkeilt, ein riesiger Schrotthaufen im Wert von mehreren 100.000 Euro. Der 56-jährige Lkw-Fahrer aus Sachsen-Anhalt, der von Leim­struth in Richtung Bad Laasphe fuhr, und auch der 42-jährige Lokführer, der mit der Kurhessenbahn in Richtung Erndtebrück unterwegs war, wurden in den völlig zerstörten Wracks eingeklemmt und schwerst verletzt.

Fahrer aus den Wracks geschnitten 

Die beiden Fahrer waren massiv eingeklemmt. „Wir haben zusammen mit den Feudinger Kameraden parallel begonnen, sie aus den Wracks zu schneiden. Das hat rund eine dreiviertel Stunde gedauert“, erklärte Einsatzleiter Dirk Höbener. Der Lkw-Fahrer wurde mit dem Kölner Rettungshubschrauber „Christoph 3“ in eine Siegener Klinik geflogen. Den Lokführer - er stammt aus Wesenberg/Mecklenburg-Vorpommern - brachte „Christoph 25“ nach Marburg.

Am Mittag wurden die THW-Ortsverbände aus Bad Berleburg und Korbach alarmiert, um bei der Wiedereingleisung des Zuges, der Bergung des völlig zermalmten Lkw, und den Aufräumarbeiten behilflich zu sein. Zusätzlich mussten ein Autokran eines Bergungsunternehmens und ein spezieller Notfallzug der Deutschen Bahn nach Saßmannshausen ausrücken. Nach und nach trennten die THW-Helfer und die Bergungsmannschaften Zug, Lkw und Auflieger voneinander, die massiv ineinander verkeilt waren. Dazu musste der Lkw zunächst gegen ein Abstürzen von der abschüssigen Stelle durch Seilwinden gesichert werden. Dann wurden die Einzelteile mit dem Kran, der bis zu 200 Tonnen tragen kann, weggehoben und der Zug wieder ins Gleis gestellt. Mit Hilfe des Technischen Hilfswerks und der Spezialisten des Notfallzuges wurde der völlig zerstörte Triebwagen schließlich auf ein spezielles Gestell aufgebockt, um dann abgeschleppt werden zu können. Vorher mussten die Helfer mit einem Radlader Klärschlamm und Erde wegschaffen, die der Lkw geladen hatte.

Am Abend machte sich Landrat Paul Breuer vor Ort ein Bild von dem Unfallgeschehen.

Die Ortsdurchfahrt blieb bis in die Nacht hinein gesperrt. Dafür war eine Hundertschaft der Polizei angefordert worden, um die örtlichen Kollegen zu entlasten und für andere Einsätze frei zu halten. Zahlreiche Schaulustige verfolgten bis zum Abend die Bergungsarbeiten in Saßmannshausen.

Übergang bei Rot überfahren

Am Abend stand nach Angaben der Helfer zumindest fest, dass die Signalanlage am Bahnübergang zum Unfallzeitpunkt „rot“ gezeigt hatte. Nach Informationen der Westfalenpost soll einer Zeugin der Lkw bereits vorher aufgefallen sein, als er ohne erkennbaren Grund auf der abschüssigen Strecke von Leimstruth immer wieder ruckartige Bremsmanöver durchführte. Angaben, dass bei dem Fahrer eine Blutprobe angeordnet worden sein soll, bestätigte die Polizei am Sonntag nicht. Angeblich waren im Umfeld des zerstörten Führerhauses mehrere Bierflaschen gefunden worden. Die Schadenshöhe beträgt mehrere 100.000 Euro. (mit dpa)