Auf den Spuren des Hexenwahns

Schwer vorstellbar für die Teilnehmer der "Hexenwanderung", dass dieses idyllische Fleckchen Erde früher als Richtplatz der Ort für grausame Hinrichtungen in Hallenberg war.
Schwer vorstellbar für die Teilnehmer der "Hexenwanderung", dass dieses idyllische Fleckchen Erde früher als Richtplatz der Ort für grausame Hinrichtungen in Hallenberg war.
Foto: Rita Maurer
Da staunen die Teilnehmer: In den Wittgensteiner Grafschaften sind 43 Prozesse und 18 Hinrichtungen aus den Unterlagen bekannt.

Hallenberg/Wittgenstein.  Puh, Glück gehabt! Die Kräutergartenfreunde aus Hallenberg kennen sich zwar mit Kräutern und ihren Heilwirkungen aus, können aber ganz bestimmt nicht auf einem Besen den Zaun entlang reiten. Denn so lautete im Mittelalter eine Definition für Hexen und damit die Begründung für einen unvorstellbar grausamen Tod.

Kräuter und Hexen gehören bis heute zusammen, deshalb hatten die Kräutergartenfreunde zu einer Wanderung auf den Spuren des Hexenwahns eingeladen, der auch in Hallenberg mindestens 43 Männern und Frauen zwischen 1591 und 1717 den Tod gebracht hat. Auch zwei Frauen aus Wundert­hausen wurden im Jahr 1628 in Hallenberg gefoltert und verurteilt. Die gesamte Dunkelziffer dürfte deutlich höher bei bis zu 200 Menschen liegen, berichtet Stadtführer Michael Mause, der die Wanderung, zu der sich 25 Kräuterfreunde eingefunden haben, leitet. Ganze Familien und deren Namen sind so aus den Chroniken der Orte ausgelöscht worden.

Marktplatz als Gerichtsplatz

Der Hallenberger Marktplatz mit seinen Fachwerkhäusern liegt in der Frühlingssonne, die Kastanien rund um die Kirche stehen kurz vor der Blüte, die Turmuhr schlägt – schwer zu glauben, dass sich genau auf diesem Platz solch blutige Szenarien abgespielt haben sollen. Denn der Marktplatz war früher gleichzeitig der Gerichtsplatz, hier fand rund um Kirche, Rathaus und Brauhaus das Leben statt. Und hier endete es für so manchen Hallenberger auch, der von seinen Mitbürgern beschuldigt worden war, für Krankheiten von Mensch und Vieh, schlechte Ernten, Hunger oder Wetterphänomene verantwortlich zu sein oder schlichtweg um etwas beneidet wurde. In den Jahren 1570 bis 1630 und von 1675 bis 1715 gab es eine „Kleine Eiszeit“ – Jahre mit kaltem, nassen Wetter, das für den Ausfall der Ernten sorgte. In diese Zeit fällt auch die Hochphase der Hexenprozesse – auch in Wittgenstein. Von 1609 bis 1632 gab es in der Laaspher Grafschaft 31 Hexenprozesse und elf Hinrichtungen, in der Grafschaft Wittgenstein-Berleburg zwölf Prozesse mit sieben Todesurteilen.

Erst einmal einer vermeintlichen Hexentat beschuldigt, konnte das sogenannte „peinliche Verhör“ kaum jemand durchhalten. Peinlich kommt von Pein – die Geständnisse oder weitere Namen wurden unter Anwendung von barbarischen Foltermethoden wie Daumenschrauben, Aufziehen an den Armen, der Streckbank oder der Wasserprobe erzwungen. Hierbei wurden die Beschuldigten in einem Sack unter Wasser gedrückt. Ertranken sie, waren sie unschuldig gewesen. Überlebten sie, wurden sie zum Hexentod verurteilt – so oder so ein Todesurteil.

Verlies im Hexenturm

Nur wenige Schritte vom Hallenberger Marktplatz entfernt stand früher am Burgplatz der sogenannte „Hexenturm“, in dem sich ein Verlies für die der Hexerei und Zauberei bezichtigten Menschen befand. Im Rahmen der nun geplanten Sanierung des Burgplatzes soll dieser Turm durch Mauersteine angedeutet werden. Nicht weit entfernt davon existiert bis heute noch die Flurbezeichnung „Hexenwäldchen“.

Entlang der ehemaligen Stadtmauern geht es weiter zu den „Galgenbüschen“, einem Eichenwäldchen am Ortsausgang Richtung Somplar, an dessen Stelle sich der ehemalige Hallenberger Richtplatz befunden hat. Wer nicht die „Gnade“ erfahren hatte, bereits am Marktplatz vor dem Verbrennen auf dem Scheiterhaufen enthauptet worden zu sein, wurde hier getötet und zur Abschreckung von Feinden oft wochenlang ausgestellt.

Als Helmut Maurer, der heutige Besitzer des Grundstückes, den Wanderern erzählt, dass 20 Menschen quer durch alle Schichten von der Magd bis zum Bürgermeister allein im Jahr 1628 der Prozess gemacht wurde und es zu dieser Zeit nur rund 500 Einwohner in 110 Familien gab, ist es mucksmäuschenstill.

Noch stiller wird es bei dem Gedanken, dass die Getöteten in der Erde des jetzt so friedlich-idyllisch wirkenden Wäldchens verscharrt wurden: „Gut, dass wir heute und nicht vor 400 Jahren leben“, da sind sich alle Teilnehmer einig. Aber auch darüber, dass die Qualen durch mutwillige Denunzierungen noch lange keine Geschichte sind und heute durch Mobbing und Internethetzen ganz aktuellen Nährboden haben.

 
 

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