„Wahnsinnige aller Länder, vereinigt euch“

Der Stammeshäuptling, Schamane, Dichter und Weltbürger Galsan Tschinag
Der Stammeshäuptling, Schamane, Dichter und Weltbürger Galsan Tschinag
Foto: WP
Von seinen 40 Büchern hat er33 in deutscher Sprqache verfasst. Der Stammeshäuptling, Schamane, Dichter und Weltbürger Galsan Tschinag berichtete jetz im Waldhof in Oberhundem über sein Leben, sein Werk, und seinen Einsatz für seine Heimat Mongolei.

Oberhundem..  Da saß er also hinter zwei zum Podium zusammen geschobenen Tischen im Speisesaal der ehemaligen Jugendherberge, die sich inzwischen zum Waldhof von Klaus Strunk weiter entwickelt hat.

Galsan Tschinag. Der Schamane, der eigentlich Igit Schynykbai-oglu Dshurukuwaa heißt. Stammeshäuptling von weltweit 300 000 Tuwa-Nomaden. Die meisten von ihnen hat Tschinag in einer riesigen Karawane in die Mongolei geführt. Lehrer und Universitäts-Dozent. Schrifsteller, Schauspieler, Dichter, Autor. Der 33 seiner bisher 40 Bücher in deutscher Sprache verfasst hat. Träger des Bundesverdienstkreuzes. Und Weltbürger.

Vor Jahren hat er Klaus Strunk kennengelernt - und dessen Einsatz für den Fortbestand alter Haustierrassen. Eine gehörige Portion Verrücktheit und „Wahnsinn“ gehöre ebenso wie Hartnäckigkeit und Visionen dazu, die eigenen Projekte zu verwirklichen. So führen Tschinag zahlreiche Lesereisen durch den deutschsprachigen Raum, um auch durch den Verkauf seiner Bücher Geld zu sammeln für sein Jahrhundert-Projekt: „Ich will meiner Heimat Mongolei 1 Million Bäume schenken“, sagt Tschinag. 300 000 sind bereits gepflanzt.

Dürreperioden

Durch extreme Dürre- und Kälteperioden sind ganze Landstriche verödet. Vielleicht aber, und dabei umspielt ein sanftes Lächeln seine Mundwinkel, würde es ja auch 3, 5, 18 oder gar 31 Millionen Bäume. Wangari Muta Maathai aus Kenia, auch Mama Miti (Mutter der Bäume) genannt, war die erste Friedensnobelpreisträgerin, auf deren Initiative hin in 13 afrikanischen Ländern und mit Hilfe von 600 neu gegründeten Baumschulen insg. 30 Millionen Bäume gegen die Erosion gepflanzt wurden.

Galsan Tschinag ruht in sich. Doch seinen Augen entgeht nichts. Geduldig wartet er, bis sich das Stimmgemurmel unter den mehr als 50 Zuhörern gelegt hat. Er ist bei aller Ernsthaftigkeit unterhaltsam. Tauscht die Reitermütze seiner Heimat mit dem kirgisischen Gewand. Präsentiert seine schamanischen Utensilien wie das Rehbock-Gehörn.

Mittler zwischen den Welten

Berichtet davon, wie der Schamane zunächst an den Haaren seines Patienten schnüffelt: „Kranke Menschen riechen anders als gesunde.“ Aus seinen Gedichtbänden rezitiert er, liest aus seinen Romanen vor. Seine Sprache ist präzise, sein Wortschatz beeindruckend. Selbst die filigransten Nuancen der deutschen Sprache beherrscht er perfekt.

Beim Vortrag der Roman-Ausschnitte gerät er häufiger ins Stocken: „Lesen ist nicht meine Sache, ich möchte lieber erzählen“, entschuldigt er sich. Und er erzählt. Von seinem Domizil in der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator, der Vorhalle zur Hölle, eine sehr hässliche Stadt.

Von seiner Arbeit als Schamane, bei der er von 10 000 Hilfsgeistern unterstützt werde: „Ein Hilfsgeist ist jeder, der gut an mich denkt.“ Angst habe er vor ungläubigen Menschen: „Die sind unberechenbar und primitiv.“

Wie sehr er mit dem westlichen Kulturkreis verwoben ist, beweist Tschinag Tag für Tag, wenn er morgens um 3 Uhr mit dem Schreiben beginnt. Über seinem Arbeitsplatz daheim stehen die Büsten bzw. Bilder von Goethe und Beethoven. Und von der Felsenkirche Harakas auf Kreta. Der Mittler zwischen den Welten, zwischen Archaischem und der Moderne, bittet stets die spirituelle Troika um Genehmigung fürs Schreiben: „Ich bin ihr Sekretär.“

Weitere Projekte

Anfang April hat er eine sündhaft teure Regenmaschine in Afrika für „seine“Mongolei gekauft. Mit der Tschinag seinem Volk und Heimatland eine Perspektive zurückgeben will. Durch Bewässerung und Anpflanzungen. „Bis diese Aufgeben erfüllt sind, werde ich wohl so langsam in die Jahre kommen“, sagt der 69-Jährige. Was ihn sicherlich nicht hindern wird, weitere Bücher zu schreiben. „Ich will die Menschen mit meiner Art von Wahnsinn aufwecken.“

Um dann den Bogen zu Klaus Struck zu spannen, mit dem er künftig noch enger zusammenarbeiten will: „Klaus könnte sein Geld für andere Dinge verschwenden. Aber er tut es nicht. Stattdessen versucht er, alte Pferderassen zu retten.“

So ist der Aufruf des Dichters und Denkers nur folgerichtig: „Wahnsinnige aller Ländern, vereinigt euch, um den Planeten Erde zu retten.“

 

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