Vom Friggeläppchen zum Minirock

Von 1870 (das Prachtgewand links) bis zum Minikleid von 1971 reicht das Thema das Ausstellung, die Kuratorin Susanne Falk in Lennestadt entwickelt  hat.
Von 1870 (das Prachtgewand links) bis zum Minikleid von 1971 reicht das Thema das Ausstellung, die Kuratorin Susanne Falk in Lennestadt entwickelt hat.
Foto: Kai Kitschenberg
Eine Ausstellung im neuen Kultur-Bahnhof in Lennestadt erzählt spannende Sozialgeschichte anhand von Kleidung und Mode 1870-1970 im Sauerland.

Lennestadt. Eine Tracht hat es im Sauerland nie gegeben, und doch ist die Kleiderordnung bis nach dem Zweiten Weltkrieg streng geregelt. Die Frau heiratet im langen schwarzen Gewand, das dann viele Jahrzehnte als „gutes Kleid“ in der Kirche und bei hohen Festen seine Dienste tut. Unverheiratete Jungfern tragen Dunkelblau. Weiß ist als Farbe überhaupt nicht „in“, das wäre unpraktisch. Kleidung und Mode verraten viel über die Sozial- und Kulturgeschichte einer Region. Davon kann man sich ab 19. Januar bei einer spannenden Ausstellung im neuen Kultur-Bahnhof in Lennestadt-Grevenbrück überzeugen.

Reformhose mit Klapplatz

„störig! Kleidung und Mode im Sauerland 1870 bis 1970“ ist der Titel der Präsentation. „Es geht um Mode, die mit dem Alltag der Menschen zu tun hat und was man daraus lernen kann“, erläutert die Lennestädter Kulturwissenschaftlerin Susanne Falk als Kuratorin. „Wie bildet man Status ab? Was sind die Rollen von Frauen und Männern? Wie ist die Rolle der Jugend?“, das sind die Fragen, die sich das Museumsteam bei der Konzeption gestellt hat.

Denn die Hauben, Röcke, Gehröcke, Arbeitshosen, Umschlagtücher, Kragen, Bänder, Hemdbrüste, Ärmelmanschetten, Gamaschen, Korsetts und auch die Reformhose mit Klapplatz sind originale Exponate. Und sie sind von Antonia Krihl (Geschichtsstudentin und Praktikantin), Monika Balkenhol (Schneiderin), Liesel Steffen (Weberin) und Gisela Erwes (Industriemeisterin Bekleidung) mit Freude und Sorgfalt restauriert worden.

Die Ausstellung kann und will nicht mit den Projekten der großen Modemuseen konkurrieren, aber sie ist ebenso liebevoll wie klug konzipiert. Der Betrachter lernt etwas über die Modestile eines bewegten Jahrhunderts – von der prachtvollen Robe der Reidemeistergattin aus den 1870er Jahren bis zum blauen Minikleid, das 1971 in Grevenbrück in der Tanzstunde getragen wird.

Und noch wichtiger: Mode erzählt viel über das Leben früherer Generationen. So sind praktisch keine Alltagskleider überliefert, bewahrt hat sich nur „das Gute“. Kleidung wird wertgeschätzt. Man lässt sie aus, wendet Kragen und Manschetten, flickt und stopft. So entstehen rund um Rock und Anzug Berufe, in denen Frauen selbstständig arbeiten können: Schneiderin, Weißnäherin (für Unterwäsche), Putzmacherin, Hutmacherin.

Kleidung verrät viel über Stolz und Vorurteil: Wenn beim Hochamt am ersten Weihnachtstag die neuen Persianer oder gar Nerze in der Kirche gezeigt werden, geht es um Status. Das Friggeläppchen (Kavalierstuch) verrät den Freier, als Bleyle-Bübchen werden reiche Söhnchen im Matrosenanzug beschimpft, und Bonzeler Hochwasser ist die Bezeichnung für Hosen, aus denen der Träger herausgewachsen ist, die gleichwohl aufgetragen werden müssen.

Trend mit Zeitverzögerung

Natürlich gibt es 1870 weniger Möglichkeiten für eine Frau, sich „störig“, also ansehnlich, anzuziehen und sich dabei von den anderen Frauen zu unterscheiden als 1970. „Was in Berlin Mode war, war nicht die Wahrheit im ländlichen Gebiet“, beschreibt Susanne Falk, dass Trends oft erst mit Verzögerung in die Provinz Einzug hielten. Aber das Sauerland ist ja keine Insel: „Einzelne haben das herrschende Bild durchbrochen, und die waren vorne weg.“

Hat sich keiner über die Miniröcken aufgeregt? Industriemeisterin Gisela Erwes erinnert sich: „Erst ging es bis zum Knie, dann hoch.“ Und wie stellte man die richtige Länge fest, chic und dennoch schicklich? „Man hat den Arm ans Bein gelegt. Bis dahin, wo die Fingerspitzen reichen, darf der Rock hochgehen.“

In der Not-Zeit des Zweiten Weltkriegs gibt es dagegen gar nichts zu kaufen. Pullover werden aufgeribbelt, Uniformmäntel umgeschneidert. Und ein jungfräuliches Hochzeitskleid erzählt im Kultur-Bahnhof eine berührende Geschichte: Das lässt sich eine Braut aus gehamsterter weißer Fallschirmseide schneidern. Es wird nie getragen. Denn der Bräutigam fällt.

www.lennestadt.de

 
 

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